Fernsehen
Fernsehen
Von http://www.pragmatism.us, übersetzt von megacolon, 11. Aug. 2006
Die einsamste Sache auf Erden ist das Fernsehen: Auf dem Bildschirm trägt sich etwas zu, Ideen werden in unseren Gedanken verändert oder verstärkt, und wir haben das Gefühl, dass wirklich etwas geschehen ist. Doch es ist - außerhalb unserer Gedanken - nichts wirklich geschehen. Das Fernsehen ist daher wie eine Fantasiewelt, die uns im Kerker unserer eigenen Meinungen und Empfindungen isoliert und Passivität fördert, vergleichbar mit Drogen. Wenn die wichtigsten Ereignisse in unserem Leben nur in unseren eigenen Gedanken stattfinden und sie nicht notwendig eine externe Realität einbeziehen, die über soziale Faktoren wie die Meinungen anderer hinausgeht, gibt es keinen Bedarf an Handlungen, welche Veränderungen in dieser externen Realität sicherstellen. Was dort draußen geschieht, lässt sich nicht ändern, doch was hier drinnen geschieht können wir kontrollieren und es erweckt ein Wohlgefühl, sodass wir uns ganz auf den Einzelnen und seine Empfindungen konzentrieren.Fernsehen als psychologische Konditionierung ist folglich mit der Wirkung einer Abrissbirne zu vergleichen. Die Bevölkerung wurde dahin gebracht, das verdammte Ding jeden Abend einzuschalten und zu genau den Schlussfolgerungen zu kommen, die von den Nachrichtensendungen oder einer beliebigen Anzahl von Unterhaltungssendungen, welche "soziale Probleme" ansprechen, um ernsthaft oder künstlerisch zu erscheinen, zwar nicht offen vorgegeben, jedoch impliziert werden. Auf diesem Wege wird diese Bevölkerungmasse, falls eine Umfrage (Was ist Deine Meinung? Alle Meinungen sind bedeutend) oder Wahl aufkommt, ihr Gewicht bei der populärsten Stimme einbringen, welche durchaus wenig mit der Realität gemein hat. Wenn man die Wahl zwischen einer einfachen Entscheidung, die angenehm ist (Kuchen umsonst, Unterhaltung, oder ein emotionales, positives Gefühl) und einer unangenehmen (Selbstaufopferung, langfristiges Denken, Kultur und Lernen, Spinat essen), wird sich die Bevölkerung zwangsläufig für die einfachere Wahl entscheiden, die im Augenblick ein besseres Gefühl verspricht, und wenn sie schon im Voraus von der Glotze betreut wurde, ist der Erfolg garantiert.
Wollen wir damit sagen... dass eine geheime Verschwörung sowohl unseren Fernseher als auch unsere Regierung kontrolliert? Nein -- wir sind unser eigener Herr, und kollektiv täuschen wir uns gegenseitig. Indem wir uns bei Geschäften einander Produkte verkaufen, oder uns sozialverträgliche Lügen erzählen, damit andere tun, was wir wollen, oder sogar unsere Freundinnen mit ausgewählen Zitaten von berühmten Schauspielerinnen zum Oralsex bewegen, betrügen wir uns gegenseitig. Wir sind sowohl Erzeuger als auch Parasit, und die einzige Verschwörung ist unsere kollektive Ignoranz und die Bereitschaft, andere um unserer eigenen Bequemlichkeit willen zu manipulieren. Ist Fernsehen Teufelswerk? Technologie verstärkt zuvor existierende Kräfte und vervielfacht ihre Auswirkungen, so wirkt Fernsehen wie ein enorm effektiver Gruppenzwang. Es verwandelt uns in faule Säcke, die fleißig "Ja" oder "Nein" auf die falschen Fragen antworten und sich einbilden, es würde einen Unterschied machen, weil es kurzfristig so erscheint.
Eine andere Darstellungsmöglichkeit: Unternehmen verkaufen Produkte, und dabei sind einige immer populärer als andere. In dem Bestreben, herauszufinden, was populär sein wird, befragen sie uns endlos und führen Kundenbefragungen durch, doch diese missglücken so oft wie sie erfolgreich sind; wenn Konsumenten gebeten werden, zwei vorhandene Produkte zu vergleichen, ist es für sie ein leichtes. Wenn sie gefragt werden, was sie eigentlich wollen, warten sie mit abstrusen Gedanken und unrealistischen Vorschlägen auf. Unternehmen reagieren auf die Wünsche der Bevölkerung, doch die Bevölkerung ist gezwungen, aus dem Angebot der Unternehmen zu wählen ... Die Regierung versorgt die Bevölkerung, doch nur die von der Regierung angebotenen Möglichkeiten stehen zur Wahl ... Die Medien versuchen, die öffentliche Meinung zu treffen, wodurch die Öffentlichkeit eine durch "Kunst" (Unterhaltung, Ablenkung) oder Profitorientierung bereinigute Grütze zu sehen bekommt. Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Keine Ahnung, aber in einer Demokratie wird das Huhn nicht für das Eierlegen stimmen.
Wir können die drastischen Auswirkungen des Fernsehens im Internet beobachten. Zuerst wurde das Internet als eine Informationsquelle betrachtet, doch schon bald wurde mit Chaträumen, Foren und Videos die Teilnahme an sich zum Zweck. Wo Menschen früher eine informatorische Ressource sahen, suchen sie nun Unterhaltung; wo sie einst wie Software-Entwickler auf einer Email-Liste Ideen diskutieren und zu einer Konklusion kommen konnten, bestätigen sie nun ihre vorhandenen Konklusionen, indem sie denen, welche andere Vorstellungen haben, ihre Überzeugungen an den Kopf werfen. Dieses Verhalten führt in eine Sackgasse, da sich nichts ändert und niemand etwas unternimmt, außer natürlich die Hersteller des Internetangebotes, denn diese haben etwas zu verkaufen. Aus diesem Grund haben sich viele von uns mehr und mehr aus dem Internet zurückgezogen, da wir erkannt haben, dass all die Menschen, die verwegen ihre "Meinungen" von sich geben, kein Interesse daran zeigen, diese in die Tat umzusetzen; sie sehen fern und wollen die Charaktere auf dem Bildschirm schreiend und hüpfend handeln sehen, dann fallen sie zurück in den Status quo. Deshalb stellt das Internet zunehmend eine seperate Kultur dar, in der alle Leute mit ihren radikalisierten Meinungen, die sie so laut sie können herausschreien, alle digitale Konversationen im Keim ersticken.
Da Fernsehen nicht nur ein riesiges Gewerbe, sondern auch eine populäre Methode ist, Zeit zu verbringen, und das Fernsehen zu kritisieren somit impliziert, dass Fernsehende ihr Leben auf gegenstandslosen Müll verschwenden, ist eine solche Kritik deshalb außergewöhnlich schwierig zu vermitteln; im Gegensatz zu einer starken politischen Meinung wird die Kritik an Fernsehen, Kinofilmen und Hollywood-mäßiger "Kunst" (in Musik, Bildern, Tanz und Theater) nicht von einem verbitterten Brüskierten mit heftigen Worten zurückgewiesen. Sie wird einfach nicht anerkannt. Wenige möchten zugeben, dass das, was gemeinhin als "Kultur" akzeptiert wird nicht, nur minderer Qualität, sondern auch nur allein auf Grund von Illusionen sowie einer mit einer der tatsächlicher Handlung gleichgesetzten, so beliebten Passivität populär ist. Wir wissen zwar, dass Fast Food, Fernsehen und demokratische Wahlen schädlich sind, dennoch "tolerieren" wir sie, da sie populär sind. Wenn wir genannte Elemente zu uns einladen, können wir beobachten, wie alles von ihnen verzehrt wird; Literatur wird dem Fernsehen ähnlich, MTV hat mehr Einfluss auf Malerei als die Meister der Kunst, unser Theater wird immer dramatischer doch ist es inhaltslos, und unsere Musik -- nun, über das schlechte Verhalten der Generationen, die mit Britney Spears erzogen wurden, brauchen sich die Eltern nicht wundern (könnte man annehmen). Die passive Mentalität des Fernsehens fördert "Kunst", welche zunehmend das Drama des Einzelnen und dessen Vorlieben und Freuden zelebriert, ohne Sorge um die Realität, die an uns vorbeigeht. Wir ertrinken im eigenen Dasein, weil wir den zulässigen Bereich für Kritik auf den Einzelnen begrenzt haben, so als ob wir eine Nation von Menschen wären, die ihre Meinung äußern, indem sie, auf Sofas sitzend, die Tasten ihrer Fernbedienung drücken.
[Übersetzt und leicht abgeändert von megacolon. Original: http://www.pragmatism.us/solutions/opinions/stillwell/television/]

