Paysage D'Hiver: Die Festung
Paysage D'Hiver: Die Festung
By M. Grau (inqi), 8. Jun. 2007
Sie liegt vor mir. Die Festung. Gebannt auf schwerem, schwarzen Vinyl, umgeben von fester Kartonage mit ebenso pechschwarzem Wachs versiegelt wie gepresst. Wahrlich eine Festung.
Ich öffne das Wachssiegel behutsam mit scharfer Klinge. Es klappt, ohne in seine Bestandteile zu zerfallen, auf. Fern ab mich nun von diversem visuellen Bonusmaterial, in Form von Poster und Text, vom eigentlichen Objekt meiner Begierde ablenken zu lassen befreie ich Die Festung von ihrer Schutzhülle und lege sie auf den bereits vorgeheizten Plattenteller. Die Apparatur bewegt sich geräuschlos. Eine schlanke, in diesem Kontext fast ästhetisch wirkende Diamantnadel bahnt sich langsam und kontinuierlich den Weg in das Innere der Festung.
Das leise, für Schallplatten unersetzliche Knistern dringt wohltuend aus den Lautsprechern.
Die Eishalle öffnet sich. Weit. Wohltuend, gar schleppend liebkosen Synthesizerklänge das Trommelfell. Man möchte die Augen schließen. Eine monotone Melodie umgibt den Zuhörenden. Lange. Komplex. Vergessen. Gen Ende sich präzise wiederholend, einem Uhrwerk ähnelnd.
Eine Stimme ist zu vernehmen, welche jedoch sekundär kalt daherflüstert und letztendlich einen soliden Übergang zu König Winter liefert.
König Winter ist mit dem Ausklang, Prinz Frost, meiner Meinung nach als ein maskulines, jedoch keineswegs dominantes Stück einzustufen. Die Klänge sind tief, dumpf und lang, fast quälend trüben sie das Gemüt des Zuhörers und verhallen letztendlich fernab in tiefer Finsternis. Ein Übergang, der kontrastreicher nicht hätte sein können, ist entstanden -
Die Schneekönigin tritt aus dem Nichts. Singend, klagend ergänzt sie mit der Eisprinzessin das fehlende Stück der Komplementarität zwischen Männlein und Weiblein. Die Klänge harmonieren in einer Art Symbiose, diesmal jedoch in Form eines vollen und femininen, kühnen Charmes mit ihrem Gegenüber.
So langsam und ausgeglichen Eisprinzessin aushallt, so direkt und ohne Einklangssequenz schallt Prinz Frost in den Raum hinein.
Zeitraffend, monoton, in einer dezenten, angedeuteten Violinenbegleitung (So scheint es mir) vermag der Geist, erst langsam, dann stetig, dem fleischernen Körper endgültig in fremde Hemisphären zu entweichen und irgendwo zwischen Sein und Nichts zu verblassen. Tief schallen regelmäßige, im Weitesten an Herzschläge erinnernde Synthesizereffekte voran und lassen den vielleicht zu konzentrierten Zuhörer erneut die Zeit vergessen. Zum letzten Mal ...
Ich öffne die Augen: Gar die dunkelste Finsternis brennt, wie ein kurzer Blick gen Sonne, in meinen Augäpfeln. Kopfschmerzen. Lethargisch erhebt sich mein Körper von dem Sofa, auf dem die letzten vierzig Minuten dieses Tages kaum schöner hätten ausklingen können als die jenen. Meine Hand tastet wirr in der Dunkelheit herum, bis sie einen gläsernen Flaschenhals zu greifen bekommt. Drei große Schlucke, um die Mundhöhle mit kühlem Nass durchzuspülen.
Unfertige, wirre Gedanken jagen in meinem Kopf umher. Der Drang, diese in Worte zu fassen scheint Überhand zu nehmen, wird jedoch von undefinierbarer, schwerer Müdigkeit eingeholt und besiegt.
In meinen Augen ist dieses Werk kein einfacher Klumpen geistiger Erzeugnisse in Form von Klanglandschaften, sondern ziemlich präzise ein Anfang, ein Ende und ein Ziel zugleich. Damit will ich sagen, dass diese Kreation keineswegs als stupides Singular bezeichnet werden darf, sondern als vollendetes Plural.
Wintherr demonstriert hier, dass es keinerlei virtuosenartige Instrumentbeherrschung benötigt, um soliden und pechschwarzen Ambient zu kreieren.
Die Festung ist kein Album, keine Aneinanderreihung von Liedern, keine simplen Töne, die ein Ganzes ergeben (sollen) - Die Festung ist lebende und zeitgleich wirkende Materie.
Die Endwertung, so scheint es mir, hat sich deutlich manifestiert. Es benötigt keinerlei ergänzender Worte.

