02. Oktober 2008
Eine Wanderung
Eine Wanderung
Der Denker von heute, der mit der dekadenten Gesellschaft nichts zu schaffen haben will, zieht sich gern in sich selbst zurück. Wer kann, sollte dazu eine Wanderung in der Natur unternehmen.
Der moderne Mensch erträgt die Stille, die Ruhe und kalte Einsamkeit des Waldes oder eines Berggipfels nicht, da er dort auf sich selbst zurückgeworfen wird. Diese Einsamkeit ist ein Spiegel, in dem wir uns nackt, ohne unsere Popularität, unsere Besitztümer und unseren Reichtum sehen. Was bleibt, ist für viele eine abscheuliche Fratze, ein Überbleibsel dessen, was einmal das Trugbild eines aufrechten Menschen war. Wenn wir gelernt haben, unsere Menschlichkeit, unsere transzendenten Werte, zugunsten vergänglicher Konzepte zu opfern, können wir zwar unser äußeres, oberflächliches Ich belügen, nicht aber unser Innerstes, unsere "Seele", wenn man so will. Diese kognitive Dissonanz ist wohl die Hauptursache für viele der modernen psychischen Leiden und Depressionen, die den "aufgeklärten" Mensch von heute plagen.
Die Erleuchtung, die durch Einsamkeit erreicht wird, ist ein Konzept, welches uns auch in den Religionen begegnet: Jesus, Mohammed, Buddha, selbst Odin (der neun Tage und neun Nächte an der Weltenesche hang, um die Mysterien des Todes kennen zu lernen und die Weisheit über die Runen zu erhalten) erlangten große Einsicht, als sie sich für eine Weile von der Welt zurückzogen. Sie konnten sich befreien von den Wirrungen des alltäglichen Daseins einer kranken Gesellschaft, und sind dadurch nicht umsonst einige der bedeutendsten Figuren in der Geschichte der Menschheit geworden.
"Die freie Natur. – Wir sind so gerne in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat." sagte der große Philosoph Friedrich Nietzsche in seinem Werk "Menschliches, Allzumenschliches". Eine Kritik, denn er betrachtet das Thema aus einer anderen Perspektive: Die Natur kennt auch keine Kritik am Menschen. Die freie Natur kann ein Versteck sein, ein Zufluchtsort für die von der Masse Verstoßenen. Auch kann sie über die eigene Unzufriedenheit mit uns selbst hinwegtäuschen, wenn wir nicht den Mut haben, uns unseren eigenen Fehlern zu stellen. Wille zur Selbstkritik ist ein Grundstein für eine gesunde Gesellschaft, denn weder willkürliche Schuldzuweisungen noch blumiges Schönreden lösen Probleme, und man darf diese Tendenzen schon in sich selbst nicht großwerden lassen. Sich in dieser Ehrlichkeit zu üben ist ein wichtiger Teil eines gesunden Lebensstils.
Wer also die Gelegenheit zur Selbstbesinnung wahrnehmen möchte und keine Geduld mehr mit dem Plärren der Fernseher und Radios des modernen Zeitalters hat, der möge sich stattdessen der Natur zuwenden. Er möge den Klängen der Wälder, der Bäche und Berge lauschen, und Kraft aus alten Quellen schöpfen, die nur scheinbar erloschen sind. Denn schließlich waren es wir, die sich abgewendet haben.
Niklas T.

