Gustav Holst: Die Planeten
Gustav Holst: Die Planeten
Von Arntor, 11. Oct. 2006
Der Brite Gustav Theodore Holst wurde in eine Zeit geboren, in der sich die musikalische Epoche der Romantik seinem Ende, gleichsam aber - je nach Betrachtung - auch seinen Höhepunkten entgegenneigte. Während Richard Wagner, einer der bedeutensten Komponisten jener Zeit, Mythologie und Heldenpathos behandelte und sich Gustav Mahler teilweise an Philosophie und Literatur orientierte, so verband Holst, der sich von beiden Komponisten beeinflussen ließ, jene Elemente, ohne dabei an Eigenständigkeit zu verlieren.Neben mehreren Opern, Kammer-, Klavier- und Chormusik setzte G.T. Holst vor allem durch seine Orchestersuite "Die Planeten" Meilensteine.
Holst, der sein Leben lang an körperlichen Schwächen litt, beschäftigte sich sowohl mit hinduistischer als auch mit griechischer Mythologie. Jene Inspirationsquellen führten, zusammen mit den Einflüssen oben genannter Komponisten und nicht zuletzt einer gewissen Naturverbundenheit, zwischen 1914 und 1916 zum bekanntesten Werk Holsts.
Es sind nicht einfach nur abstrakte Ideen ohne objektiv sichtbaren Bezug zur Realität, die dieser Suite zugrunde liegen. Holst schafft es ebenso auch, auf bis in das letzte Detail ausgearbeitete Heldensagen, wie sie in Wagners "Ring der Nibelungen" verwendet wurden, zu verzichten.
Um menschliche Verhaltensweisen, Eigenschaften, Ideale und Archetypen auszudrücken, orientiert sich Holst an ursprünglicher, aber trotzdem oder gerade deshalb besonders signifikanter Symbolisierung und Mythologie.
Dadurch, dass als Symbolik die Planeten des Sonnensystems dienen, in die schon seit Anbeginn indoeuropäischer Geisteswissenschaft die Eigenarten des menschlichen Individuums projeziert werden, erreicht der Komponist eine sowohl kosmologisch als auch anthropologisch orientierte Vertonung uralter Erkenntnisse und Werte.
Die sieben Sätze der Suite sind jeweils einem der Planeten gewidmet. Ein auf die Erde bezogener Satz ist nicht vorhanden - die Distanz von konkret dargestelltem menschlichem Handeln sowie eine gewisse Abstraktheit ermöglichen eine in sich schlüssigere Symbolisierung. Ein achter Satz, logischerweise "Pluto", war angeblich schon in Arbeit, wurde aber nie fertig; Collin Matthews komponierte einen solchen Satz allerdings im Jahre 2000.
Folgender Reihenfolge bedient sich Holst:
1). Mars, der Kriegsbringer (Allegro)
2). Venus, die Friedensbringerin (Adagio ~V Andante ~V Animato)
3). Merkur, der geflügelte Bote (Vivace)
4). Jupiter, der Bringer der Fröhlichkeit (Allegro giocoso ~V Andante maestoso ~V Lento maestoso ~V Presto)
5). Saturn, der Bringer des Alters (Adagio ~V Andante)
6). Uranus, der Magier (Allegro ~V Lento ~V Allegro ~V Largo)
7). Neptun, der Mystiker (Andante ~V Allegretto)
Den Anfang macht demnach "Mars", Kriegsgott und blutroter Stern am Firmament. Im Vergleich zu sachteren Themen wie der Liebe fand der Krieg, der als Bestandteil menschlicher Natur nicht zu leugnen ist, eher selten den Weg in die Musik. Holst jedoch sorgt für eine facettenreiche und bildlich vorstellbare Musikalisierung. Seien es nun offene Massenschlachten der Antike, die Stellungskämpfe aus der Zeit der Entstehung des Werkes oder futuristische Science-Ficiton-Gefechte (schließlich diente dieser Satz als Grundlage für die Musik der Star Wars-Filme): Mit
erschreckender Präzision und zügigem Tempo, anspannender Dramatik und waghalsigen Motiven wird der Geist des Krieges zum Ausdruck gebracht. Sowohl leise Passagen als auch kraftvolle, von Pauken und Bläsern gezeichnete Abschnitte teilen sich diesen Satz.
Als starkes Kontrastprogramm zum anspannenden Einstieg fungiert "Venus": Sowohl versöhnlich als auch befremdlich wirkt der ruhige, maximal schreitende Satz. Die in mäßiger Lautstärke gespielten, sanften Violinen- und Bratschenmotive bauen, unterstützt durch die dahinfließende Flötenbegleitung, die komplette Anspannung, die durch Satz 1 verursacht wurde, wieder ab; Liebe und der Wunsch nach Friedseligkeit kommen hier zum Ausdruck.
Immernoch von einer positiven Grundstimmung gezeichnet ist Satz 3, sonnennächster Planet und geflügelter Bote "Merkur". Das lebhafte Tempo, Glockenklänge und einprägsame Dur-Akkorde, die überwiegend von Violine und Flöte gespielt werden, sorgen für eine gewisse Hektik. Ob man Mercurio nun als Überbringer guter oder schlechter Nachrichten ansieht: Die bereits erwähnte positive Atmosphäre zieht sich stringent bis in den nächsten Satz durch.
Der dem Göttervater Jupiter gewidmete Satz wird größtenteils von einem zügigen bis schnellen Tempo bestimmt. Auch wenn der Oberste der griechisch-römischen Götter nicht immer nur Fröhligkeit brachte, interpretierte Holst, der auch hier positiv denkt, den pantheistischen Zug der Freude und des Stolzes in jene Figur. Besonders das majestätische, langsame Hauptthema im Mittelteil,
das nicht umsonst die Grundlage von Bathorys Hymne "Hammerheart" darstellte, strahlt das Positive menschlicher Gefühle und Gedanken aus. Behäbige, stimmungsvolle Streicher und atemberaubende Posaunenklänge machen diesen Abschnitt zu einem der Höhepunkte der Suite.
Auch im Folgenden schafft es Holst, sowohl Kontraste als auch Gemeinsamkeiten zum vorhergehenden Satz aufzubauen: "Saturn, der Bringer des Alters" wirkt durch bedrohliche Crescendo-Abschnitte und dramatische Paukenschläge ebenfalls majestätisch, allerdings auf eine vollkommen andere Art: Das Unterliegen des menschlichen Lebens gegenüber dem unumgänglichen Altern sowie die Todesgewissheit treten in diesem langsamen und dahinschleppenden Satz symbolisch zum Vorschein. Doch auch Hoffnung und Zuversicht lassen sich in den am Ende vorkommenden, hellen und beruhigenden, antithetisch wirkenden Flötenklängen erkennen.
In den beiden letzten Sätzen driften Holsts Aussagen weiter ins Abstrakte: Uranus und Neptun, "Magier" und "Mystiker", symbolisieren den Übergang des Menschlichen in Richtung des schon immer erstrebten, aber nie umstandslos erreichten Übermenschlichen.
Das Magische, hier größtenteils hektisch, bewegt und von mehreren Tempowechseln gezeichnet, scheint schon außerhalb von positiv und negativ zu stehen. Besonders die bedrohlichen, dramatischen Paukenschläge am Ende des Satzes deuten die Gefahren an, die das Entfernen vom Gewohnten, sei es nun kosmologisch, kosmographisch oder anthropologisch, im Sinne des Entfernens vom üblichen Menschsein in Richtung des gesuchten Magischen, Übernatürlichen, mit sich bringt.
Als Schluss fungiert das sich dahinschleppende, langsame und - passenderweise - mystisch und geheimnisumwobene Stück "Neptun, der Mystiker": Die Grenze unseres Sonnensystems ist beinahe erreicht, es folgt das Ungewisse, Beängstigende, aber dennoch unwiderstehlich Interessante, das hinter diesen ehemals unerreichbar erscheindenen Grenzen liegt - sei es nun im Bereich des Kosmos oder im Bereich menschlicher Existenz. Die Erde und ihre fast schon banalen Nachbarn
verschwinden in der Entfernung.
Mit einem langgezogenen Decrescendo, das die Konturen des Bekannten immer weiter verwischt, endet diese Suite; es ist ein offenes Ende, dem die Ungewissheit folgt. Dennoch barg jene Reise Erkenntnisse und Weisheiten, deren Vergessen auch über eben entdeckte Grenzen hinaus nicht möglich sein wird ...
Insgesamt ist Holsts Meisterwerk "Die Planeten" ein Werk der Kontraste, aber auch ein Werk stringenter Aussagen, die sich durch die einzelnen Sätze ziehen. Die Tiefen menschlichen Erfahrens und Verfahrens werden analysiert und musikalisch aufbereitet. Die Symbolik des griechischen Pantheons sowie die Facetten von Kosmos und Natur werden metaphorisch, z.T. aber auch konkret beschreibend verwendet.
Jede Stimmungslage findet hier Beachtung und Auslegung, weshalb das Anhören der Suite in so ziemlich jeder Situation möglich ist. Jedem, der sich der Musikepoche der Spätromatik verbunden fühlt oder Kosmologie, Astronomie oder Anthropologie als Lebensbestandteil ansieht, kann ich dieses Meisterwerk nur nahelegen.
Ursprünglich veröffentlicht auf www.frostlohe.de

