Die Sucht nach Leben
Die Sucht nach Leben
Von Freanan, 5. May. 2007
Warum sind Menschen seit Beginn der Literaturgeschichte fasziniert von Geschichten, in denen große und kleine Menschenmengen gewaltsam zu Tode kommen? Wo liegt die Faszination in den Liedern der Skalden und Barden, in der Illias und im
Nibelungenlied? Warum mögen wir Action und Horrorfilme oder Kriminalromane? Wo liegt der Reiz der "Killerspiele", die auch von ansonsten ausgeglichenen und erfolgreichen Menschen gespielt werden? Warum hören manche Menschen aufwühlende Musik wie Beethoven oder Slayer?
Nach den Ansichten vieler Politiker und Psychologen muss hier eine Art perverser Trieb am Werke sein. Sollten wir nicht, so fragen sie, froh sein wenn unser Leben von gewaltsamen Ereignissen verschont bleibt, anstatt diese dann künstlich durchleben zu wollen?
Dabei stellt sich jedoch die Gegenfrage, ob es ein Leben frei von Leiden oder Gewalt überhaupt geben kann.
Betrachtet man die belebte und unbelebte Welt, zeigt sich einem doch ein ständiges Streben, eine ständige Unzufriedenheit, ständige Veränderung und Kampf.
Das beginnt schon auf einer niedrigen Ebene. Wir müssen uns gegen Schwerkraft und Massenträgheit durchsetzen, wenn wir unseren Körper bewegen wollen, ja schon um unsere einfachsten Körperfunktionen aufrecht zu erhalten. Um diese Energie für uns nutzbar zu machen, müssen wir andere Lebewesen verzehren, welche die Energie aus Sonnenlicht gewonnen haben oder sie selbst anderen Lebewesen entnommen haben.
Auch auf der Ebene des gesellschaftlichen Zusammenlebens erleben wir ständige Konflikte. Offensichtliche Beispiele sind Straftaten und Kriege. Aber auch im Alltag finden sich Beispiele.
Da sich die Interessen verchiedener Menschen zwangsläufig überlagern und widersprechen können, müssen wir stets freiwillig
auf andere Rücksicht nehmen. Auch hier handelt es sich um einen Konflikt, obwohl eine Partei sofort eingesteht, im Unrecht zu sein. Wenn niemand Rücksicht nimmt oder nachgibt, beispielsweise weil es unklar oder vielleicht sogar unentscheidbar ist,
wer Recht hat, kommt es zu einem Streit. Dieser wird zwar meist von einem Vermittler geschlichtet, doch auch der setzt den Willen der Einen Partei zum Leidwesen der Anderen Partei durch. Dass hier moralische statt körperlicher Überlegenheit den Ausschlag gibt und dass dabei meist keine physische Gewalt mehr eingesetzt werden muss, weil die unterliegende Partei sich fügt,
ändert den Umstand der Gewaltausübung nicht im Geringsten.
Das immer gleiche Bild zeigt sich bei physikalischer, biologischer, individualpsychologischer wie bei soziologischer Betrachtung. Auf welche Interpretationsebene wir uns auch begeben, immer zeigt sich unserem Blick ein fortdauernder existentieller Konflikt.
Alles was ein Lebewesen braucht oder will, muss es sich durch körperliche oder geistige Arbeit beschaffen. Dabei überwindet es einen unangenehmen Zustand, der im Wollen besteht, um seinen Wunsch zu verwirklichen. Danach wird es nach kurzer Zufriedenheit einen neuen Wunsch haben, der ihm durch die Zwänge körperlicher Triebe oder auch durch die Langeweile aufgezwungen wird.
Genau das bedeutet offenbar der Begriff "Leben".
Dass Leben nur aus Leiden folgt und dieses bedingt, ist keine neuartige Idee.
Nach den nur fragmentarisch erhaltenen Schriften des Heraklit von Ephesus, in denen das der Welt zugrundeliegende Element
das Feuer ist und die Welt als im ständigen Kampf befindlich dargestellt wird, wurde dies wohl zum ersten mal in Arthur Schopenhauers Werken als ein systematischer philosophischer Gedanke formuliert.
Er geht von den hier beschriebenen Trieben unterschiedlicher Lebewesen über zu einem metaphysischen, alles umfassenden
und allem als "Ding an Sich" zugrundeliegenden Willen. Diese Idee erinnert zunächst an den Pantheismus beispielsweise Leibnizens, der einen alles durchdringenden göttlichen Intellekt, Plan oder Geist als Ursache der Naturgesetze und aller Phänomene betrachtete. Jedoch führen bei Leibniz alle Geschehnisse der Welt auf ein positives Ziel hin und haben einen Sinn. Der Wille im Sinn Schopenhauers hingegen existiert einfach, ohne einen Sinn, ein Ziel oder auch nur ein Bewusstsein zu haben.
Schopenhauer betrachtete diese Sinnlosigkeit als etwas negatives. Wenn das Leben und die Existenz der Welt letztendlich keinen Sinn habe, könne man auch den Kampf aufgeben und sich aus dem Treiben des Lebens zurückziehen. Es sei dann das beste, sich dem ständigen Wollen und Leiden durch ein Leben und einen schließlichen Tod in Askese zu entziehen und dadurch "wunschlos glücklich" zu werden, was gleichbedeutend mit "inexistent" oder "tot" sei. Dies scheint in einer weniger ausformulierten Form auch die Ansicht einiger Religionen, wie des Buddhismus und des Christentums zu sein. Bei letzterem existiert zwar ein Gott, der dem Leben einen Sinn geben könnte, aber dieser ist völlig jenseitig und wird erst nach "Ertragen" des Lebens erreicht. Somit ist die zugrundeliegende Haltung in etwa die Gleiche.
Aber auch wenn man das Leben als in letzter Konsequenz sinnlos erkannt hat, muss man es aufgrund dessen nicht unbedingt ablehnen. Auch Orchideen, Wasserfälle oder der Eifelturm sind für uns zunächst einmal ohne direkte Bedeutung und haben für uns keinen "Sinn", trotzdem sorgen sie durch ihre Schönheit oder andere positiv empfundene aber unwichtige Merkmale stets für Begeisterung.
Wäre die ganze Welt mit allen Lebewesen und eventuellen Göttern vernichtet, gäbe es niemanden mehr, der sich daran stören könnte. Das beweist aber nur, dass Bedeutung und Sinn einer Sache nur durch Interpretation entstehen können.
Dies wurde von Martin Heidegger ausgedrückt, dessen Philosophie beschreibt, wie das "Dasein" den in der Welt vorhandenen Dingen durch "Sorge" ontologisches Sein (also eine Bedeutung) gibt.
Das Universum mag objektiv betrachtet sinnlos sein, aber für uns als Lebewesen und damit als bewertende Subjekte erscheint
seine komplexe Struktur, die Landschaften, Pflanzen, Tiere und sogar sich selbst hinterfragende Lebewesen hervorbringt meist wertvoller als ein willenloses Nichts.
Die ethischen und psychologischen Konsequenzen dieses Gedankens wurden schon von Friedrich Nietzsche erkannt. Nietzsche war
von Schopenhauers Philosophie fasziniert, sprach sich jedoch dafür aus, dem Leben selbst einen Sinn zu geben, oder es in
seiner erhabenen Sinnlosigkeit selbst als Sinn zu betrachten und zu verehren. Seine Philosophie ist ein radikaler Vitalismus, der auch Kampf und Leid als Konsequenzen des Lebens anerkennt und positiv bewertet.
In der bisherigen Betrachtung konnten wir sehen, dass Konflikte und Leid nicht nur ein negativ oder positiv zu beurteilender Aspekt, sondern ein Konstitutivum nicht nur unserer Psychologie als Lebewesen sondern auch der Existenz im Allgemeinen sind.
Um konsequent oder auch nur im Rahmen des Möglichen zu bleiben, muss man entweder beides bejahen oder beides verneinen.
Ein Lebewesen, dass sich zum weiterleben entscheidet, entscheidet dabei unbewusst auch für die Anerkennung von Konflikt und
Leid. Es nimmt den Kampf mit der Welt erneut auf.
Unter diesem Gesichtspunkt können wir uns nun wieder den Bedfürfnissen des Menschen, sowie der Kunst und der Unterhaltung zuwenden, um die eingangs gestellten Fragen zu beantworten.
Offenbar wollen die meisten Menschen nicht einfach aktionslos existieren, was auf Dauer ja auch wie oben festgestellt völlig unmöglich wäre, sondern sie sind vielmehr an einer ständigen Interaktion mit ihrer Umwelt interessiert.
Nachdem wir die Natur des Lebens als Kampf oder Leid erkannt haben, ist es ebenfalls leicht zu erkennen, dass diese
Interaktion in der Erfüllung von Wünschen und damit verbunden in der Überwindung von Hindernissen bestehen muss.
Ob diese Wünsche direkt für das Weiterleben notwendig sind oder ob es sich um bloßen Luxus handelt, ist dabei unwichtig.
Wer unmittelbare Not überwunden hat, wird sich schnell mit neuen Problemen beschäftigen, welche ihm zuvor noch völlig unwichtig erschienen wären. Wer tatsächlich nichts zu tun hat, wird sofort von der Langeweile ergriffen. Dieser alltäglich
verwendete Begriff bedeutet offenbar nichts anderes als das Fehlen von Wünschen, Schwierigkeiten und Aufgaben.
Diese scheinbar widersinnige Sucht nach Widerstand und Überwindung lässt sich nun leicht als eine Sucht nach Leben
erkennen. Der Mensch strebt offenbar ständig nach der Aufrechterhaltung eines Bewusstseins der eigenen Existenz und Lebendigkeit im Ausführen für herausfordernd oder wichtig gehaltener Tätigkeiten im Gegensatz zur unbewegten, "toten" Taten- und
Wunschlosigkeit.
An dieser Stelle lässt sich die Bedeutung von Kunst und Unterhaltung für den Menschen erkennen.
Die Kunst ermöglicht dem Betrachter die Beobachtung ausgewählter Aspekte der Welt. Oft werden hier charakteristische Szenen und Bilder gewählt, welche das Beobachtete in konzentrierter Form deutlich machen. In der Literatur, aber auch in anderen Kunstformen wird dazu meist eine Extremsituation verwendet, welche den Inhalt des Lebens und seine emotionale Beschaffenheit in sublimierter und betonter Form enthalten. Der entstehende Eindruck kann selbst bei einer bloßen Erzählung, bei der sich das dargestellte nur im Kopf des Zuhörers oder Lesers abspielt, so stark werden, dass eine Identifikation mit den Figuren der Geschichte entsteht und das Erzählte nachgefühlt und "miterlebt" wird.
Gleichzeitig hat die Kunst auch den Charakter einer unterbewussten vor-Philosophie, als Erklärungsmodell für menschliches Verhalten und Naturphänomene oder
als "reiner" Genuss von Schönheit. Die Kunst und ihre ältere Form, der Mythos, haben stets auch die oben beschriebene Aufgabe übernommen, dem objektiv
sinnlosen Treiben der Welt eine sinnvolle Interpretation, Bedeutsamkeit und Schönheit zu verleihen.
Unabhängig davon welche Bedürfnisse sie befriedigt, hat sich die Kunst teils für die Bejahung und teils auch für die Verneinung des Willens zum Leben ausgesprochen. In jedem Fall hat sie seine Existenz und seine oben besprochenen Implikationen stets anerkannt.
Die Handlung beispielsweise der Illias wird von den Launen der Götter beeinflusst, welche die Menschen wie Spielfiguren in
einem Stellvetreterkrieg gebrauchen, dabei aber auch selbst wiederum von ihrem Schicksal und von ihrem Willen gesteuert
werden. Dieser auf verschiedenen Ebenen ausgetragene Konflikt, der sehr gut für das Leben selbst stehen könnte, ist
prinzipiell sinnlos. Das wird zwar anerkannt, aber nicht weiter als wichtig erachtet. Im Mittelpunkt steht dann die innere
Haltung, mit welcher die Figuren des Epos ihre Rolle spielen.
In der griechischen Tragödie oder in Shakespeares Dramen scheint der Wille zum Leben als eher negativ betrachtet zu werden. Aber auch diese Werke zeigen den Kampf von Individuen in ethischen und emotionalen Extremsituationen, die auf mehr
oder weniger sinnlosen Intrigen oder Schicksalsschlägen beruhen und bauen darauf ihre Handlung auf.
Ähnlichen Mustern folgen auch Filme und Romane der modernen Unterhaltungsindustrie.
Durch ihre intuitivere Herangehensweise konnte der Mythos oder die Kunst schon vor langer Zeit Tatsachen erknnen, welche der bewussten Philosophie erst seit kurzem bewusst geworden sind. Dies verleiht ihr eine große philosophische Relevanz für den Einzelnen. Gleichzeitig erlaubt sie dem Betrachter eine direkte emotionale Identifikation mit dem Dargestellten. Diese Mischung aus konzentrierter Beobachtung der Realität und simuliertem Miterleben hat die Menschen offenbar schon immer um Lagerfeuer, in Konzerthallen, Gallerien oder Theatern versammelt.

