28. Juli 2008
Ersatzhandlungen
Ersatzhandlungen
Die Freizeitaktivitäten in unserer Gesellschaft lassen sich psychologisch oft als Ersatzhandlungen klassifizieren. Dieser Artikel greift Theodore Kaczynskis Definition von Ersatzhandlungen auf und soll noch nicht geklärte Fragen beantworten sowie das gezeichnete Bild auf Realitätstauglichkeit überprüfen.
Denjenigen Lesern, die mit T.K. noch gänzlich unvertraut sind, wird nahegelegt, vor dem Genuss dieses Artikels sein Manifest zu lesen, um sich mit seinen Grundideen vertraut zu machen und eine inhaltliche Grundbasis zu haben. Erhältlich ist es, neben zahlreichen anderen und nicht minder interessanten Artikeln Kaczynskis natürlich auf GNUS.
Manifest
Brief
"39.
Mit dem Begriff "Ersatzhandlung" (Surrogate Activity) bezeichnen wir eine Handlung, die sich auf ein künstliches Ziel richtet, welches sich Menschen nur deshalb setzen, damit sie etwas haben, wonach sie streben können. Mit anderen Worten, es geht ihnen bei der Erreichung des Ziels letztlich nur um die "Durchführung". Hierin besteht die Faustregel der Identifikation mit den Ersatzhandlungen. Angenommen, ein Mensch widmet einem Ziel X viel Zeit und Energie, dann kann man sich fragen, ob derjenige, nachdem er seine Zeit und Energie ausschließlich dafür einsetzt, seine biologischen Bedürfnisse zu befriedigen, und diese Bemühungen seine körperlichen und geistige Fähigkeiten auf vielfältige Weise in Anspruch nehmen würden, enttäuscht wäre, wenn er das Ziel X nicht erreicht? Wenn die Antwort negativ ausfällt, kann man davon ausgehen, daß das Ziel X eine Ersatzhandlung für ihn bedeutet.[..]"
Als Beispiel führt er den müßigen Aristokraten an:
"38.
Nicht jeder müßige Aristokrat muß Langeweile empfinden. Kaiser Hiroshito widmete sich der Meeresbiologie anstelle einem dekadenten Hedonismus zu verfallen und wurde auf diesem Gebiet sogar sehr anerkannt. Wenn Menschen ohne physische Anstrengung ihre körperlichen Bedürfnisse befriedigen können, schaffen sie sich künstliche Ziele. Meistens verfolgen sie diese Ziele mit derselben Energie und emotionalem Einsatz, wie sie diese sonst für das Erreichen physischer Notwendigkeiten eingesetzt hätten. So beschäftigten sich die Aristokraten des Römischen Reiches mit Literatur, vor einige Jahrhundert widmete sich die europäische Aristokratie intensiv der Jagd. Andere Aristokratien versuchten ihr Ansehen zu vergrößern, indem sie ihren Reichtum vermehrten, und einige Aristokraten, wie Hirohito, wandten sich der Wissenschaft zu."
>So beschäftigten sich die Aristokraten des Römischen Reiches mit Literatur [...]
Beschäftigen sich die Aristokraten aus Langeweile mit Literatur, oder weil sie aristokratisch waren? Kaczynski verwechselt hier Langeweile, natürliche Begabung und Wille zur Macht. Bei Aristokraten ist es natürlicher Bestandteil des Wesens, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen. Sie würden ohne sie einen Verlust empfinden, wenn sie ihr Potential nicht ausnutzen könnten. Dabei soll man nicht den Fehler machen, einen Aristokraten (im platonischen Sinne) mit den dekadenten "Oberen 10.000" gleichzusetzen.
"39.
[...] Mit Sicherheit sind Hirohitos Studien der Meeresbiologie eine Ersatzhandlung, denn müßte Hirohito seinen Lebensunterhalt mit einer nicht-wissenschaftlichen Tätigkeit verdienen, würde er keinen Verlust darüber empfinden, daß er dann nichts über die Anatomie und Lebenszyklen von Meerestieren wüßte.[...]"
"Lebensunterhalt verdienen" ist ein gesellschaftliches Konstrukt. Wäre er nicht durch gesellschaftliche Standards an das Verdienen des Lebensunterhalts gebunden, sondern müsste er das eigene Überleben und die eigene Sicherheit unmittelbar, d.h. durch keine abstrakte Arbeit, die mit abstrakter Währung vergolten wird sicherstellen, würde er dann die Anwendung des detailliertes Wissens über Meeresbiologie missen?
Detailliertes Wissen zu dieser Thematik hat im pragmatischsten Falle keinen Nutzen. Wozu dann überhaupt?
Hier müssen wir die Philosophien des Atomismus und Holismus aufgreifen:
Der Atomismus behauptet u.a., dass man, um die Welt zu verstehen, sie im Kleinsten nachvollziehen muss.
Der Holismus behauptet, dass man, um die Welt zu verstehen, sie als Ganzes begreifen muss.
Wir erkennen die Plausibilität beider Philosophien an, stehen prinzipiell jedoch dem Holismus näher. Die Gesamtheit, das Universelle ist wichtiger als Details. Natürlich kann das Ganze nicht funktionieren, wenn die kleinsten Bestandteile fehlerhaft funktionieren. Die Funktion der kleinsten Bestandteile aber als wichtigster Selbstzweck zu sehen, ist uns zuwider.
Das tiefgreifende Wissen über Meeresbiologie ist demzufolge eher Atomismus. Zu wissen, was die Wasserwelt im Kleinsten zusammenhält lässt einen Rückschlüsse auf die Funktion und Beschaffenheit des ganzen Tierreichs oder Ökosystems schließen. Es ist damit nicht absolut abstrakt, sondern untersucht eben nur für den Menschen in Realität nicht einzeln vorkommende "Atome". Ähnlich verhält es sich mit den Mathematik, Chemie usw.: Sie untersuchen die Welt im Kleinsten, Abstrakten. Damit lassen sich jedoch auch Rückschlüsse auf das Ganze bilden, ein Nutzen dieser Wissenschaften kann also auch realitätsbezogen (ganheitlich funktionierend) sein.
Ein Lied kann man nur als Komposition vieler einzelner Noten verstehen. Die Noten selber sind essentiell, aber alleine nichtssagend.
Die Beurteilung über die Motiviation hinter dem Studium der Meeresbiologie steht uns nicht zu. Natürlich fallen die zutreffenden Kriterien für Ersatzhandlungen auf, aber nur anhand dieser kann man unmöglich nicht-holistischen Disziplin als Ersatzhandlung werten.
Zum Thema Liebe und Sexualität führt er an:
39.
[...]
Andererseits ist beispielsweise der Wunsch nach Sexualität und Liebe keine Ersatzhandlung. Die meisten Menschen würden es als Verlust empfinden, wenn sie ihr Leben ohne eine Beziehung zum anderen Geschlecht verbringen müßten, auch wenn sie alles andere hätten. (Übersteigt jedoch das Bedürfnis nach Sexualität das normale Maß, kann auch das zu einer Ersatzhandlung werden.)
Und damit liefert uns T.K. ein Kriterium: Das Maß macht eine Ersatzhandlung aus.
Seine Argumentation ist einleuchtend, wo die konkreten Grenzen sind, bleibt nach wie vor unklar.
Es wird suggeriert, jede konstruktive Handlung, die man in seiner Freizeit macht und die damit nicht lebensnotwendig ist, ist automatisch eine Ersatzhandlung, da man sie höchstwahrscheinlich nicht machen würde, wenn man mit lebensnotwendigen Tätigkeiten beschäftigt wäre. Diese Annahme ist korrekt, legt mit ihrer Begründung jedoch nicht den Kern der Problematik frei.
Wie erklärt man sich, dass viele Menschen so unterschiedlichen Tätigkeiten nachgehen? Manche studieren Physik, andere Geschichte und Archäologie, wiederum andere werden Tierpfleger oder Künstler. Die Annahme, dass all diese Interessen aus Langeweile o.ä. resultieren, ist nicht einleuchtend. Stellen wir uns vor, dass Menschen, die diesen unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern nachgehen, plötzlich ohne jegliche Unterstützung darstehen und um ihr Überleben kämpfen müssten. Es gibt nun keine Arbeit, kein Studium mehr, sondern nur das Überleben. Sicherlich hätten sie wenig Zeit, nun mehr ihren Interessen nachzugehen. Würden sie einen Verlust empfinden, wenn sie ihr Potential nicht ausleben könnten? Höchstwahrscheinlich.
Der Mensch ist als soziales Lebewesen doch besser dran, wenn er eine rückhaltende Gemeinschaft hat. In dieser Sippengemeinschaft fängt bereits die erste Unterteilung an: Traditionell waren die Männer diejenigen, die beispielsweise auf die Jagd gingen oder anders die Sicherheit der Familie sicherstellten, während die Frauen sich um das Haus und den Nachwuchs kümmerten. Diese Unterteilung geschah intuitiv und organisch aus biologischen Gründen, und damit psychologischen, körperlichen usw. Die beiden verschiedenen Parteien gehen ihren natürlichen Interessen nach. Die Frage ist jetzt, ob sie etwas vermissen würden, wären sie auf sich alleine gestellt. Das Potential, das Interesse, der Instinkt würde nicht verlorengehen, hätte nur wenig Möglichkeit, ausgelebt zu werden. Darüber würde nicht nachgedacht werden, weil schlichtweg keine Zeit und Raum dafür vorhanden wäre. Und dennoch ist es keine Ersatzhandlung.
In einer Gemeinschaft bilden sich nicht nur biologisch offensichtliche Unterschiede heraus: Bald findet sich jemand, der ein besonders talentierter Tischler ist, jemand der besonders gut schmieden kann, jemand, für den Kampf das Maß aller Dinge ist und jemand mit Führungsqualitäten. Diese Unterschiede können sich erst kultivieren, wenn ein gewisser Lebensstandard vorhanden ist: Der Hunger ist gestillt, Es lauert keine Gefahr, aber dafür brennt ein wärmendes Feuer.
"Erst kommt das Fressen und dann kommt die Moral." - Bertolt Brecht
Wir nähern uns langsam einer universellen Definition der Problematik. Was wissen wir bisher?
a) Ersatzhandlungen sind Handlungen, die jemand aufgrund von dem Fehlen von wirklich lebensnotwendigen und natürlichen Zielen kreiert, um seine überschüssige Energie und Leidenschaft ihnen widmen zu können. Andernfalls würde das Individuum Langeweile empfinden. Es würde jedoch keinen fulminanten Verlust empfinden, müsste es sich fortan lebensnotwendigen und natürlichen Zielen widmen ohne der Tätigkeit nunmehr nachgehen zu können.
b) Handlungen, die aus der eigenen Veranlagung heraus resultieren und dem eigenen, naturgegebenen Interesse entsprechen, sind per se keine Ersatzhandlungen, da jeder Mensch eine andere Facon hat. Unter primitiven Bedingungen könnte man dieses Potential eventuell nicht mehr konstruktiv ausleben, ob subjektiv ein Verlust empfunden wird oder zeitlich überhaupt werden kann ist nebensächlich, da er objektiv vorhanden ist. Unter diesen Bedingungen wären alle Menschen quasi "gleichgeschaltet", da sie sich von ihrer Art in der Praxis nicht mehr unterscheiden.
c) Kriterien für Ersatzhandlungen: Das Maß und die Motivation dahinter.
Was machen laut Kaczynski Menschen, die, nachdem sie lebensnotwendige Dinge getan haben, "frei" haben? Am Beispiel der Naturvölker:
In seinem Buch; Life in the Rocky Mountains, erzählte Warren Angus Ferris, der während eines Teils des Jahrzehnts 1840-1850 unter den Indianern gewohnt hatte, daß man manchmal einen Indianer beobachten könne, der seine Pfeife rauchend und sehr ernst und nachdenklich aussehend vor seiner Hütte hin und her gehe. Aber wenn man diesen Indianer fragte, „Woran denken Sie?“, antwortete er „An nichts.“ In einem seiner Bücher erzählte Will Durant, daß der Arktisforschungsreisende Peary einst einen Eskimo gefragt habe: „Woran denken Sie?“ Der Eskimo habe geantwortet:“Ich habe reichlich Fleisch. Ich habe es nicht nötig, zu denken.“
Wir sind vielleicht geneigt, über solche Anekdoten zu lächeln, aber sie beweisen, daß jene Leute nicht durch Sorgen geplagt waren. Der Forscher Paul Schebesta schrieb 1938 über die Pygmäen des afrikanischen Urwalds, daß diese Menschenrasse „eine ungewöhnlich derbe Natürlichkeit und Lebensfrische, eine Heiterkeit und Sorglosigkeit ohnesgleichen“ auszeichne. (Paul Schebesta, Die Bambuti - Pygmäen vom Ituri, I. Band, Institut Roal Colonial Belge, Brüssel, 1938. Seite 205.) Gontran de Poncins, der ungefähr 1938 oder 1940 unter gewissen Eskimos wohnte, schrieb: “I...sat here clad in the skins and furs of animals in a shelter built of snow, in a land and a season where a temperature of forty degrees below zero was the normal thing - and I was relaxed, content, happy. I was at peace with myself; and surely of all things in the world the rarest is a civilized man at peace with himself.“ (Gonran de Poncins, Kabloona, Time-Life Books, Alexandria, Virginia, 1980. Seite XXVI.)
„(The Eskimo) had proved himself stronger than the storm. Like the sailor at sea, he had met it tranguilly, it had left him unmoved. ...In mid-tempest this peasant of the Arctic, by his total impassivity, had lent me a little of his serenity of soul.“ (a.a.O. Seiten 212 - 213.)
„(T) ime meant nothing to them; their minds were at rest, and their sleep of the unworried.“ (a.a.O. Seite 273.)
„Of course he would not worry. He was an Eskimo.“ (a.a.O. Seite 292.)
Der Historiker James Axtell behandelt die Gründe, warum viele Weiße vor zwei oder drei Jahrhunderten vorzogen, unter den Indianern zu wohnen, aber nicht umgekehrt. Er schreibt:
„Indian life was attractive (because it offered, among other perfect freedom, the ease of living, (land) the absence of those cares and corrading solicitudes which so often prevail with us.“ (James Axtell, The Invasion Within: The Contest of Cultures in Colonial North America, Oxford University Press, 1985. Seiten 326 - 27.)
(Aus dem Brief an Lutz Dammbeck
Was kennzeichnet den modernen Menschen aus?
147. "Der moderne Mensch dagegen muß immer beschäftigt oder unterhalten werden, sonst fühlt er Langeweile, d.h. er wird unruhig, fühlt sich unbehaglich und gereizt."
Sehr ähnliche Gedankengänge finden sich auch in unserem Artikel "Das Geschenk der Leere":
Gehetzte Menschen sind scheinbar davon besessen sich zu beschäftigen – und zwar mit allem; Fernseher, Video, Musik, Lesen, Schreiben, Rennen, Laufen, Fahren – einfach mit allem. Und das alles, um die Leere zu füllen – nein, um sie zu verbergen. Denn sie ist in der Tat ein Abgrund; tief, dunkel und endlos. Ruhelose Menschen müssen sich frenetisch an etwas festhalten, einen festen Untergrund spüren. Sollten sie unbeschäftigt sein, fangen sie an sich zu drehen und zu wenden, ihre Fingernägel zu beißen und mit sich selbst (oder mit dem Haustier, den Blumen, oder der Wand) zu reden.
Es scheint, als hätten wir "des Pudels Kern" freigelegt:
8 Stunden einer abstrakten Arbeit nachgehen und die restliche Zeit mit Fernsehgucken zu verbringen - das ist eine Ersatzhandlung. Warum schaltet man nicht einfach alles ab und geht nach draußen, um den Sonnenuntergang zu genießen und seine Gedanken ruhig im Kosmos treiben zu lassen? Nein, anstelle dessen wird Musik aufgedreht, Alkohol getrunken und Hektik verursacht. Das sind die Symptome eines leeren, neurotischen Menschens. Das ist es, was Kaczynski als Ersatzhandlung auffasste und kritisierte.
Symphonien zu schreiben, Pyramiden zu bauen und seine Lebenskraft zu verwirklichen - das sind keine Ersatzhandlungen, sondern die logische Konsequenz des menschlichen, holistischen Charakters. Kaczynski beschreibt treffend die entwürdigende Neurotizität der Moderne, wir stimmen ihm jedoch in seiner prinzipiellen Ablehnung der Zivilisation nicht zu, da wir sie durchaus für natürlich halten und sie bei korrekter Handhabung ein Born an Schönheit und Ewigkeit werden kann.
Wigr
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