07. Mai 2008
Über den Umgang mit Gefühlen
Über den Umgang mit GefühlenKein Mangel, kein Desinteresse, kein undurchdachter und rein auf dem Konsumdenken basierender Fehler schadet dem Menschen in der Moderne so nachhaltig und noch hinzukommend derart unbewusst, wie der fahrlässige Umgang mit den eigenen Gefühlen. Betrachtet man die vom Irrglauben durchzogene menschliche Historie und die moderne, westliche Welt samt ihren kümmerlichen Wertvorstellungen, so entwickelt das Ausmaß dieses fälschlichen Umgangs eine ganz neue Qualität. Doch um hier nicht auf eine These zu bauen, ohne auf ihre Herleitung zurückblicken zu können, fangen wir etwas weiter vorne an...
Der erste Schritt ist sicherlich die Einsicht, dass das primäre Ziel in einem Leben, auf welchem Kontinent und unter welchen Bedingungen es auch immer existiert, das Erreichen von Eigenwohl, Glück und innerem Frieden darstellt. Um dieses Ziel zu erreichen, bekommen wir eine Reihe von Möglichkeiten von der Gesellschaft, die sich bei genauerer Betrachtungen nicht allzu sehr von einander unterscheiden. So ist die weithin allgemein akzeptierte Grundvoraussetzung für das dauerhafte Glück im Leben der Besitz von Geld. Ein Fehlschluss ohnehin, doch soll dies hier, da allzu offensichtlich, nicht weiter Thema sein.
Von jenem mittlerweile vererbtem Prinzip des Glücks ausgehend, ergibt sich nun zwangsläufig die Konfrontation mit den eigenen Gefühlen, der sich jeder Mensch im Laufe seines Lebens zu stellen hat. Allein das zuzulassen scheint schon aus der Mode zu sein. Hin und wieder geschieht es dennoch, wohl noch überwiegend im unbewussten Stadium, aber immerhin.
So entsteht ein innerer Dialog, der die unterschiedlichen Optionen der Lebensgestaltung auf ihre Durchführbarkeit im Bezug auf das Individuum und dessen Weg zur inneren Befriedigung überprüft. Natürlich steht der Job über allem. Wenn nicht, dann wohl die Familie, die so etwas ähnliches wie eine Aufgabe, einen Beruf darstellt und mit mehr Pflichten als Genüssen verbunden zu sein scheint. Kann man in der Familie gelegentlich noch Gefühle zulassen oder sie gar zeigen, stellt sich recht fix heraus, dass es das klügste und förderlichste für die Karriere ist, die Gefühle auf der Arbeit einfach einmal auszuschalten. Rational denken, vernünftig handeln, aufsteigen, mehr Geld bekommen, glücklich sein. So lautet der Plan. Die Frau bringt man schon irgendwo unter ... und über Kinder wurde zum Glück noch nicht gesprochen.
Nun liegt es ja geradezu auf der Hand, dass man natürlich nicht in der Lage ist, dauerhaft seine Gefühlswelt in zwei Teile zu spalten. Aus und an. An und aus. Bereitschaftsdienst, na, dann bleibt sie eben mal länger aus. Plötzlich vergisst man dann doch den Schalter vor dem romantischen Abendessen mit der Geliebten umzulegen, und so wird es ein sehr vernünftiger, langweiliger Abend. Doch das ungute Gefühl in der Magengegend verschwindet gleich wieder mit dem nächsten Lohnerhalt. Denn man erinnert sich: Ich bin glücklich, wenn ich Geld habe. Von letzterem hat man dank der Überstunden ja nun genügend.
Der Mensch entwickelt sich zunehmend zu einem Lebewesen, das Gefühle isoliert und ignoriert, sie nur zu bestimmten Anlässen vorzeigen möchte, als wären sie ein schickes Paar Schuhe, obwohl er doch wie kaum ein anderes in der Lage wäre, sich ihnen zu stellen. Doch Gefühle müssen gepflegt, zugelassen und bewusst behandelt werden. Und zwar immer. Das Kippschalter - Prinzip ist keine Fähigkeit des Menschen, die er ohne das intensive Befassen mit seinen Sinnesreizen einfach anwenden kann und dann auch noch erwartet, damit glücklich zu werden. Gefühle stumpfen bei Nichtgebrauch ähnlich unserem Muskelgewebe ab und werden unbrauchbar. Ich behaupte allerdings, dass es ebenso möglich ist, sich die Fähigkeit der sinnlichen Wahrnehmung wieder anzueignen, wie es möglich ist, seine Muskulatur zu trainieren. Doch wie soll so ein bewusster Umgang eigentlich aussehen?
Bewusst mit seinen Empfindungen umzugehen darf nämlich nicht heißen, bewusst zu fühlen, was dem Denken gleichkäme. Und das Denken sollte man beim Fühlen tunlichst unterlassen.
Die oberste Priorität bei der Behandlung eines Gefühles sollte zu aller erst beim Fühlen selbst liegen, bevor man selbiges weiterhin gedanklich einzuordnen versucht. Schließlich bestätigt sich fast immerzu der Fall, dass die Worte oder Gedanken über das Gefühlte das Gefühl an sich nicht exakt wiedergeben können, geschweige denn im Stande wären, es erneut fühlbar zu machen. Alles, was von der rein empirischen Behandlung eines Gefühls abweicht und dieser vorausgeht, ist also nicht weniger als Verschwendung, und zwar in verheerendstem Ausmaß.
Über Gefühle zu reden, ihnen Namen geben und sie definieren zu können heißt nicht, sie zu kennen. ‚Erleben’, ihre Wirkung am eigenen Leib zu erfahren. Dies sind Vorgänge bei denen man dem Wesen einer Empfindung um ein Vielfaches näher kommt, als mit Hilfe des Verstandes.
Mit Verstand zum Glück, ja, aber nicht auf rationaler Ebene. Der Verstand muss seine Instinkte begreifen und sie verwenden können, nur so ist das wahre Glück auch spürbar und nicht nur ein Gegenstand externer Betrachtung, an dem man sich erfreuen darf.
Doch man zieht es vor sich an fremdem Glück zu erfreuen, auch nur deshalb, weil es das einzige ist, das einem im tristen Alltag zu begegnen scheint. Wer sind denn letztlich glücklich? Der Mensch, der den Mond betritt oder die Millionen, die dabei zusehen? Die Kultur des Mitleidens geht einher mit der des Mitfreuens. Was ureigenes Glück eigentlich heißt, wie es sich eigentlich anfühlt, wollen die meisten dagegen gar nicht wissen.
Dass man im Verleben seiner Existenz nicht nur Glück und Freude zu spüren bekommt, dürfte den meisten Lesern dieses Textes bekannt sein. Nicht von ungefähr kommen die ganzen gescheiterten Existenzen, die von einem einzigen schweren Schicksalsschlag zerstört werden. Sind sie doch in erster Linie darauf zurückzuführen, dass man mit negativen Gefühlen, niederwerfenden Unvorhersehbarkeiten nicht umzugehen weiß, wenn man nicht einmal in der Lage ist, die positiven zu erfahren. Negativität als Teil des universellen Gleichgewichtes, also auch als Teil des Glücks zu betrachten, fällt den meisten Menschen zu schwer, um es zu akzeptieren. Auch hier wird ignoriert, was in Behandlung gehört und erst später in den Händen eines Therapeuten behandelt wird.
Die Zeit beherbergt eben einen Druck, ein Verlangen nach Anpassung und Unterwerfung eigener Emotionen zum Wohle des Allgemeinen. Ein Sog dem es entgegenzuwirken gilt, was damit anfängt sich zu fragen, was man eigentlich erreichen möchte. Und erst dann, wie dies denn vonstatten gehen soll. Es darf keine Schwäche sein, seine eigenen Fehler durch intensives Beschäftigen mit dem eigenen Bedürfnissen zu kurieren.
Ebenso wie Selbstehrlichkeit ehemals als grundlegende Eigenschaft, mittlerweile als kontraproduktiv gilt, ist es nun an der Zeit sie erneuet zu etablieren und zu praktizieren. Dabei sollte einem klar sein, dass man dafür, abhängig von der gegenwärtigen Position in Gesellschaft, Job und Familie, mit Veränderungen zu rechnen hat. Sanktionen, die jedoch sämtlich niederen Absichten dienen und über denen man stehen sollte. Der erste Schritt ist bekanntlich immer der schwierigste.
Marco Bäcker
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