Existentialistisches Manifest
Existentialistisches Manifest
Mit größter Wahrscheinlichkeit ist der Mensch nichts als eine Ansammlung von Zellen, von Kohlenstoffverbindungen, von Atomen und Elementarteilchen und von großen Raumanteilen Vakuum. Somit verhält er sich zumindest in seinen Teilen genauso wie der Rest des belebten oder unbelebten Universums nach unveränderlichen Naturgesetzen. Diese Ansicht erschreckt viele, fasziniert aber auch viele Menschen. Egal was man von ihr hält, ist sie doch die plausibelste und wahrscheinlichste von allen. Dies einzusehen hilft, die Welt und den Menschen realistisch und ohne vorgefertigte Wertungen zu betrachten.
Aber welchen Sinn hat das Leben, wenn alle Götter tot sind? Wie führt man sein Leben, wenn alle Werte relativ und jegliche Moral nichts als ein Werkzeug für das gesellschaftliche Zusammenleben ist? Wozu kämpfen wir, wonach streben wir, wenn alles was wir erreichen mit uns stirbt?
"Männer sterben und Vieh stirbt, aber eines weiss ich, das nicht stirbt: Der toten Männer Ehre", heißt es in der älteren Edda. Der Begriff der Ehre spielte eine wichtige Rolle nicht nur in der germanischen oder anderen indoeuropäischen Kulturen sondern in gesunden Gesellschaften auf der ganzen Welt. Vielleicht ist dieser Begriff ein Hinweis auf etwas, das nicht mit uns stirbt und dem Leben so den für viele verlorenen Sinn zurückgibt. Oft wurde er nur zur Propaganda oder zur Unterstützung politischer Ziele benutzt, weswegen er in heutiger Zeit als unzeitgemäß und verstaubt, für manche sogar als gefährlich gilt. Aber ist es nicht gerade die heutige Zeit, die nach einem Lebenssinn sucht, nachdem sie ihre Götter getötet und ihre Kultur verkauft hat? Dieser Text möchte an den alten Sinn des Begriffs der Ehre anknüpfen und so eine der möglichen Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens geben.
Dazu ist zunächst eine genauere Definition des Begriffs der Ehre, wie er in diesem Text benutzt wird, nötig. Ehrenvoll verhält sich, wer sowohl seinen eigenen Werten als auch seinen Freunden und Verbündeten gegenüber treu und ehrlich ist. Hinzu kommt das Streben, auf dem eigenen Gebiet das beste zu erreichen und etwas zu schaffen, was nicht nur finanziell dem eigenen Wohl, sondern auch ideell der Menschheit oder vielleicht sogar dem Leben als ganzem nützlich sein könnte.
Dies hat in vielen Fällen einen rein praktischen Nutzen, sowohl für den der sich ehrenvoll verhält, als auch für eine Gesellschaft, deren Mitglieder nach Ehre streben. Der Einzelne erhält Respekt und Anerkennung, die Gemeinschaft profitiert von Ehrlichkeit und dem Streben nach guten Leistungen. Doch neben oder besser noch vor diesen schnell sichtbaren praktischen Vorteilen hat das Streben nach Ehre den Vorteil, dass sie einen Wert darstellt der auch nach dem Tod fortbesteht, unabhängig davon, ob man an Götter oder eine unsterbliche Seele glaubt oder nicht.
Der ideelle Reichtum, den man im Lauf seines Lebens in Form von Ehre anhäuft stirbt nicht, solange es denkende Wesen gibt, die sich an ihn erinnern und ihn respektiern, sich vielleicht sogar an ihm ausrichten können. Homer oder die Helden über die er schrieb sind physisch seit Tausenden von Jahren tot, aber in einer gewissen Weise sind sie auch unsterblich geworden. Doch Ehre ist kein rein kriegerischer Begriff. Das gleiche was für die besungenen Krieger in den verschiedensten Epen gilt, wird wahrscheinlich auch für Shakespeare, für Beethoven, für Einstein oder auch für Jesus und etliche andere gelten, die bereit waren, für ihre ideale zu sterben, zu kämpfen oder zumindest hart zu arbeiten ohne unmittelbar einen Proft zu erkennen. Von Ehre können allerdings nicht nur jene profitieren, die es schaffen, ihren Namen und ihre Persönlichkeit dadurch unsterblich zu machen. Vor dem "Gott" der Ehre ist zwar vielleicht nicht jeder gleich, aber zumindest hat jeder die Chance, Ehrenhaft zu leben und davon zu profitieren: Auch für den, der nicht die ganze Welt verändert und in die Geschichte eingeht, ist es möglich, andere durch Ehrenhaftes Verhalten vom eigenen Wertsystem zu überzeugen und es so durch eine Art der geistigen Fortpflanzung weiterleben zu lassen.
Und selbst rein materialistisch betrachtet ist Fortpflanzung, sei es nun körperliche Fortpflanzung oder die von Ideen, offenbar ein Urtrieb des Menschen und anderer Tiere. Mit der Ehre findet ethisches Verhalten also eine Grundlage, die zwar prinzipiell ein rein ideeller Wert ist, die sich aber mit der materialistischen Natur der Welt und des Menschen erklären lässt und die eine Entsprechung in den Grundbedürfnissen der meisten lebenden Organismen findet.
Jeder Versuch, den Tod abzuwenden ist eitel. Was uns bleibt, ist das Wissen den eigenen Werten entsprechend gelebt zu haben, ist der Respekt derer, die man positiv beeinflusst hat, ist das Ewige das man vielleicht geschaffen hat.

