15. März 2008
Wie man "Täter" schafft
Um ganz normale Amerikaner zum Foltern zu bringen, war nur ein schlichter Satz nötig. "Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen", sagte der Herr im weißen Kittel, und die Versuchspersonen drückten noch einmal auf den Knopf. Wollte der Proband erneut abbrechen, sagte der Versuchsleiter: "Es ist unbedingt notwendig, dass Sie weitermachen." Und die Mehrheit machte weiter. Auch wenn der durch jeden Knopfdruck vemeintlich mit Elektroschocks traktierte "Schüler" im Nebenraum schon schrie, scheinbar vor Schmerzen.
Das Experiment, das der US-Sozialpsychologe Stanley Milgram 1961 durchführte, stellte alles auf den Kopf, was die Menschheit sich bis dahin als Erklärung für den Holocaust zurechtgelegt hatte. Psychopathische, sadistische, von Hass zerfressene Menschen mussten das doch gewesen sein, die in Hitlers Auftrag quälten und mordeten - so lautete die Annahme. Bis heute dauert die Diskussion darüber an, bis heute zerbrechen sich Historiker den Kopf darüber und suchen in Archiven nach Anhaltspunkten für die Motivation der Täter. Jüngst hat Jonathan Littells umstrittener Roman " Die Wohlgesinnten" die alte Debatte wieder aufflammen lassen - obwohl Psychologen überzeugt sind, die Mechanismen längst ziemlich genau verstanden zu haben.
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Unter Psychologen herrscht heute weitgehende Einigkeit darüber, wie ganz normale Leute in totalitären Staaten oder unter Kriegsbedingungen zu brutalen Tätern werden. Weder eine antisoziale Persönlichkeitsstörung noch persönlicher Sadismus sind dafür notwendig - Druck von oben und eine Stresssituation können aus der Mehrheit der Menschen erbarmungslose Peiniger machen.
Demokratie funktioniert ähnlich.
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