Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft
Das Unabomber-Manifest
Kurzes Vorwort
Das Unabomber-Manifest wurde von dem Mathematiker, Aussteiger und späteren
Terroristen Ted Kascinsky verfasst und ist frei in verschiedenen Sprachen
verfügbar. Die Übersetzung ist auf verschiedenen anderen Websiten
erhältlich und wurde von dort übernommen.
Das Manifest attackiert das politische, aber vor allem das technologische und kulturelle "System" der modernen Gesellschaft
aufs schärfste und befürwortet die Rückkehr zu einer vorindustriellen Gesellschaft im Einklang mit der Natur.
Auch wenn es in der ferneren Vergangenheit nie einen explosionsartigen technologischen Fortschritt oder
überhaupt ein dem heutigen ähnliches Interesse daran gab, gehörten technische
und wissenschaftliche Entwicklung schon immer zur Natur des Menschen. Der
Mensch ist ein Tier, welches weniger Muskeln und Zähne als andere Tiere hat, aber
dafür Feuer und einen Speer oder später einen Bauernhof oder ein Jagdgewehr
entwickelte.
Deswegen ist es fraglich, ob es für uns auf lange Zeit möglich
ist, auf diese Entwicklungen (oder auch ihre Wiederentdeckung) zu verzichten, ohne die menschliche Natur selbst
abzuändern. Vielleicht ist die Technologie und die Entwicklung ein faustischer
Trieb des Menschen, der ihn schon bald vernichten wird. Vielleicht wird auch
wie im Manifest angedeutet die Zivilisation von selbst zerfallen, um für eine
primitivistische Gesellschaft Platz zu machen. Vielleicht ist es auch
entgegen der Meinung des Unabombers möglich, Technik und Wissenschaft
verantwortungsvoll einzusetzen.
Unabhängig davon, welche dieser Möglichkeiten zutreffend ist, überzeugt der
Text durch seine tiefen Einsichten in die Psychologie des
modernen Menschen und die Funktionsweisen der modernen Gesellschaft, durch
seine Diagnosen über eine schiefgegangene Anwendung der Technik und eine
kranke Gesellschaft.
Ob und zu welchem Grade die Zukunfstvisionen des Unabombers umsetzbar oder erstrebenswert sind, ist
die eine Frage. Die beste, aber wahrscheinlich unangenehmste Eigenschaft dieses Texts ist
jedoch in jedem Fall, wie zutreffend seine Beobachtungen sind.
Es ist erschreckend, wie viele der beschriebenen Phänomene man in seiner
Umgebung und bei genügender Ehrlichkeit auch bei sich selbst feststellen kann.
Der übersetzte Originaltext
Das UNABOMBER-Manifest "FC" Die Industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft
Inhalt
ParagraphenEinleitung 1 - 5
Psychologie des modernen Leftismus 6 - 9
Minderwertigkeitsgefühle (Feelings of Inferiority) 10 - 23
Überanpassung (Oversocialisation) 24 - 32
Selbstverwirklichung (Power Process) 33 - 37
Ersatzhandlungen (Surrogate Activities) 38 - 41
Selbstbestimmung (Autonomy) 42 - 44
Ursprünge gesellschaftlicher Probleme 45 - 58
Zusammenbruch des Power Process 59 - 76
Probleme der Anpassung 77 - 86
Antriebskräfte der Wissenschaftler 87 - 92
Das Wesen der Freiheit 93 - 98
Einige Grundtatsachen der Geschichte 99 - 110
Die Unveränderbarkeit der Industriellen-Technologischen Gesellschaft 111 - 113
Die Grenzen der Freiheit in der Industriellen Gesellschaft 114 - 120
Untrennbarkeit von "Gut" und "Böse" in der Technologie 121 - 124
Technologie und Freiheit 125 - 135
Die Unlösbarkeit von Gesellschaftsproblemen 136 - 139
Revolution - einfacher als Reform 140 - 142
Verhaltenskontrolle 143 - 160
Die Menschheit am Scheideweg 161 - 166
Menschliches Leiden 167 - 170
Die Zukunft 171 - 179
Strategie 180 - 206
Zwei Arten von Technologie 207 - 212
Die Gefahr des Leftismus 213 - 230
Schlußbemerkung 231 - 232
EINLEITUNG
1.Die Folgen der Industriellen Revolution haben sich für die Menschheit als eine Katastrophe erwiesen. Unsere Lebenserwartung ist dadurch in den "fortgeschrittenen" Ländern bedeutend gestiegen, gleichzeitig aber trat infolgedessen eine Destabilisierung der Gesellschaft ein, das Leben wurde unerfüllt, die Menschen gerieten in eine unwürdige Abhängigkeit, diese Entwicklung hat zu weit verbreiteten psychischen Problemen geführt (in der Dritten Welt auch zu organischen Krankheiten) und der Natur wurde unermeßlicher Schaden zugefügt. Die kontinuierliche Entwicklung der Technologie wird die Lage weiter verschlimmern. Mit Sicherheit wird die Menschheit in noch größerem Maße abhängig werden und es werden noch gewaltigere Naturschäden auftreten. Wahrscheinlich werden sich die soziale Entwurzelung und die psychologischen Probleme noch verstärken und schließlich auch in den "fortgeschrittenen" Ländern zu einem Anstieg von Krankheiten führen.
2.
br> Das industrielle-technologische System wird entweder überleben oder zusammenbrechen. Wenn es überlebt, KÖNNEN möglicherweise mit seiner Hilfe physische und psychische Krankheiten verringert werden, jedoch erst, nachdem das System eine lange und schmerzhafte Periode der Anpassung durchgemacht hat, und nur auf Kosten einer permanenten Verringerung der Bevölkerung und vieler anderer Lebensformen. An ihre Stelle treten dann manipulierte Produkte, die nur noch Rädchen in der gesellschaftlichen Maschinerie sind. Überdies werden die Folgen unvermeidlich sein, wenn das System überleben sollte: das System kann nicht durch Reformen verändert oder modifiziert werden, um dadurch zu verhindern, daß die Würde und Autonomie der Menschheit verschwindet.
3.
Aber auch wenn das System zusammenbricht, werden die Folgen sehr schmerzhaft sein. Je stärker aber das System sich entwickelt, um so katastrophaler werden die Folgen des Zusammenbruchs sein. So wäre ein schneller Zusammenbruch des Systems wünschenswerter als zu einem späteren Zeitpunkt.
4.
Deshalb treten wir für eine Revolution gegen das industrielle System ein. Diese Revolution kann mit oder ohne Gewalt durchgeführt werden, sie kann plötzlich auftreten oder sich in einem längeren Prozeß über mehrere Jahrzehnte vollziehen. Wir sind nicht in der Lage, das vorauszusagen. Aber wir werden ganz allgemein die Maßnahmen skizzieren, damit die Gegner des industriellen Systems den Weg für eine Revolution gegen diese Form der Gesellschaft vorbereiten können. Es handelt sich dabei nicht um eine POLITISCHE Revolution. Das Ziel wird nicht darin bestehen, Regierungen zu stürzen, sondern die wirtschaftliche und technologische Basis der gegenwärtigen Gesellschaft zu zerstören.
5.
In dieser Abhandlung werden wir nur einige der negativen Entwicklungen darstellen, die durch das industrielle-technologische System entstanden sind. Andere Entwicklungen werden wir nur andeuten oder gar nicht darauf eingehen. Das bedeutet aber nicht, daß wir diese Entwicklungen für unwichtig halten. Nur aus praktischen Gründen müssen wir unsere Erörterung auf die Gebiete beschränken, die bisher ungenügende öffentliche Aufmerksamkeit erhielten oder über die wir etwas neues zu sagen haben. So gibt es inzwischen sehr aktive Umwelt- und Naturschutz-Bewegungen, so daß wir nicht viel über Umweltzerstörung und -beschädigung geschrieben haben, obwohl wir gerade diese für außerordentlich wichtig halten.
PSYCHOLOGIE DES MODERNEN LEFTISMUS
6.
Wohl jeder wird mit uns übereinstimmen, daß wir gegenwärtig in einer zutiefst beunruhigten Gesellschaft leben. Eine der verbreitetsten Erscheinungen unserer wahnwitzigen Welt ist der Leftismus. Deshalb soll eine Diskussion über die Psychologie des Leftismus als Einleitung für die Erörterung der Probleme der modernen Gesellschaft im allgemeinen dienen.
7.
Was versteht man unter Leftismus ? Während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnte man Leftismus etwa mit Sozialismus gleichsetzen. Heute ist die Bewegung zersplittert und es ist nicht mehr deutlich, wen man eigentlich als Linken bezeichnen kann. Wenn wir in dieser Abhandlung über Linke sprechen, dann meinen wir vor allem Sozialisten, Kollektivisten, "politically correct"- Anhänger, Aktivisten im Bereich des Feminismus, der Homosexualität und der Behinderten, Verteidiger des Tierschutzes und dergleichen. Jedoch kann nicht jeder, der zu diesen Bewegungen gehört, als Linker bezeichnet werden. Was wir versuchen wollen in die Erörterung einzubringen, ist nicht so sehr die Darstellung einer Bewegung oder Ideologie, sondern die Beschreibung eines psychologischen Typus, oder eher die Zusammenfassung von einander ähnlichen Charakteren. Was wir unter "Leftismus" verstehen, wird sich im Verlauf unserer Erörterung über die linke Psychologie ergeben (vgl.§ 227-230).
8.
Dennoch bleibt unsere Leftismus -Konzeption leider unverständlicher als wir uns wünschten, aber wir haben dafür keine Lösung gefunden. Wir können lediglich in groben Zügen und annähernd die beiden psychologischen Tendenzen umreißen, von denen wir glauben, daß sie die wichtigsten treibenden Kräfte des modernen Leftismus sind. Dabei behaupten wir keineswegs, daß es sich hier um die GANZE Wahrheit über Leftismus- Psychologie handelt. Außerdem gehen wir nur auf die heutige Form des Leftismus ein. Wir lassen die Frage offen, inwieweit unsere Erörterungen auch auf die Linken im 19. und 20. Jahrhundert bezogen werden können.
9.
Die beiden psychologischen Strömungen, die dem modernen Leftismus zugrunde liegen, bezeichnen wir als "Minderwertigkeitsgefühle" (feelings of inferiority) und "Übersozialisierung" (oversozialisation). Minderwertigkeitsgefühle sind charakteristisch für den Leftismus in seiner Gesamtheit, während Übersozialisierung nur einen Teil des modernen Leftismus kennzeichnet: aber gerade dieser Teil ist besonders einflußreich.
MINDERWERTIGKEITSGEFÜHLE
10.
Unter "Minderwertigkeitsgefühlen" verstehen wir nicht nur Minderwertigkeitsgefühle im engeren Sinne, sondern das gesamte Spektrum der damit verbundenen Charakterzüge: geringes Selbstwertgefühl, Gefühle der Machtlosigkeit, Niederlage, depressive Tendenzen, Schuldgefühle, Selbsthaß usw. Wir behaupten, daß die neuen Linken zu diesen Gefühlen neigen (möglicherweise mehr oder weniger verdrängt) und daß diese Gefühle entscheidend die Richtung des modernen Leftismus prägen.
11.
Wenn jemand alles, was über ihn (oder über die Gruppierung, mit der er sich identifiziert) ausgesagt wird, als eine Herabwürdigung empfindet, schließen wir daraus, daß er Minderwertigkeitsgefühle oder ein geringes Selbstwertgefühl hat. Diese Neigung herrscht bei den Fürsprechern von Minderheiten vor, ganz gleich ob sie zu den Minderheiten gehören, deren Rechte sie verteidigen. Sie sind überempfindlich gegenüber Begriffen, die Minderheiten bezeichnen und gegenüber allen Äußerungen, die Minderheiten betreffen. Die Begriffe "negro" (Afrikaner), "oriental" (Asiat), "handicapped" (behindert), oder "chick" ("Hühnchen") für einen Afrikaner, einen Asiaten, einen Behinderten, eine Frau hatten ursprünglich keine abwertende Nebenbedeutung. "broad" und "chick" waren lediglich die weiblichen Formen zu "guy" (Kerl, Kumpel), "dude" (Geck) oder "fellow" (Kamerad, Bursche). Die negative Nebenbedeutung haben diese Aktivisten ihnen selbst beigelegt. Einige Tierschutzverteidiger gehen soweit, daß sie die Bezeichnung "pet" (zahmes Tier, Haustier) ablehnen und auf dem Ersatzbegriff "animal companion" (Tier-Gefährte) bestehen. Linke Anthropologen vermeiden es meistens, irgend etwas über primitiven Völkern auszusagen, das negativ interpretiert werden könnte. Sie ersetzen das Wort "primitiv" durch "schriftlos". Unter allen Umständen wollen sie scheinbar den Eindruck vermeiden, daß eine primitive Kultur unserer eigenen unterlegen wäre. (Wir unterstellen nicht , daß primitive Kulturen unserer eigenen unterlegen SIND. Es liegt uns nur daran, die Übersensibilität der linken Anthropologen deutlich zu machen.)
12.
Diejenigen die besonders empfindlich hinsichtlich einer "politically incorrect"-Terminologie reagieren, sind nicht die durchschnittlichen schwarzen Ghettobewohner, die asiatischen Einwanderer, die mißhandelten Frauen oder behinderte Menschen, sondern eine Minderheit von Aktivisten, die meistens keiner dieser "unterdrückten" Gruppen angehören , sondern aus privilegierten Gesellschaftsschichten kommen. Die Mehrheit der Anhänger einer 'political correctness' besteht aus Universitätsprofessoren, die sichere Arbeitsplätze und ein gutes Einkommen haben, die meisten von ihnen sind heterosexuelle männliche Weiße aus Mittel- bzw. Oberklasse-Familien.
13.
Viele Linke identifizieren sich stark mit den Problemen von Gruppen, die als schwach (Frauen), unterdrückt (Indianer), abstoßend (Homosexuelle) oder anderweitig minderwertig angesehen werden. Diese Linken empfinden diese Gruppen als minderwertig. Zwar würden sie diese Gefühle niemals zugeben, aber genau deswegen, weil sie diese Gruppen als minderwertig ansehen, identifizieren sie sich mit ihren Problemen. (Wir wollen damit nicht behaupten, daß Frauen, Indianer usw. minderwertig SIND, sondern lediglich die linke Psychologie charakterisieren).
14.
Feministen unternehmen große Anstrengungen nachzuweisen, daß Frauen genauso stark und fähig sind wie Männer. Dahinter steckt deutlich die Angst, es könnte sich herausstellen, daß Frauen vielleicht NICHT so stark und fähig wie Männer sind .
15.
Die Linken neigen dazu, alles zu hassen, was irgendwie stark, gut, erfolgreich ist. Sie hassen Amerika, sie hassen die westliche Zivilisation, sie hassen weiße Männer, sie hassen Rationalität. Die von den Linken behaupteten Gründe für ihren Haß auf den Westen etc. stimmen nicht mit ihren wahren Motiven überein. Sie SAGEN, daß sie den Westen hassen, weil er kriegslüstern, imperialistisch, sexistisch, ethnozentrisch usw. wäre Aber wo diese gleichen Mißstände in sozialistischen Ländern oder primitiven Kulturen auftreten, wird der Linke dafür Erklärungen finden, oder höchsten WIDERWILLIG eingestehen, daß sie vorhanden sind, wo er doch BEGEISTERT (und oft weit übertrieben) diese Mißstände überall in der westlichen Zivilisation anprangert. Somit ist deutlich, daß diese Mißstände nicht die eigentliche Beweggründe des Linken für seinen Haß auf Amerika und den Westen sind. Er haßt Amerika und den Westen, weil sie stark und erfolgreich sind.
16.
Begriffe wie "Selbstvertrauen", "Zuversicht", "Initiative", "Unternehmungsgeist", "Optimismus" usw. spielen im linken und liberalen Vokabular eine geringe Rolle. Der Linke ist anti-individualistisch und pro- kollektivistisch eingestellt. Die Gesellschaft soll alle Probleme jedes einzelnen lösen, jedermanns Bedürfnisse erfüllen, für jeden sorgen. Er hat kein inneres Vertrauen zu seinen eigenen Fähigkeiten, um damit seine eigenen Schwierigkeiten zu bewältigen und seine Bedürfnisse zu erfüllen. Der Linke lehnt das Wettbewerbskonzept ab, weil er sich tief in seinem Innern als Verlierer fühlt.
17.
Kunstformen, die moderne linke Intellektuelle ansprechen, konzentrieren sich auf Schäbigkeit, Niederlage und Verzweiflung, oder aber sie nehmen einen orgiastischen Ton an, indem sie jede rationale Kontrolle aufgeben, als ob man durch rationale Berechnung nichts zustande bringen könnte und nichts bleibt, als sich den Empfindungen des Augenblicks vollständig anheim zu geben.
18.
Moderne linke Philosophen lehnen Vernunft, Wissenschaft, objektive Realität ab und insistieren, daß alles vom kulturellen Umfeld abhängt. Es ist richtig, daß man die Grundlagen wissenschaftlicher Erkenntnis ernsthaft hinterfragen kann, auch auf welche Weise die Idee einer objektiven Realität zu definieren wäre. Offenbar sind moderne linke Philosophen keine kühlen Logiker, die die Grundlagen der Erkenntnis systematisch analysieren. Ihr Hauptanliegen besteht vor allem darin, die Wahrheit und Wirklichkeit zu attackieren. Ihre eigenen psychologischen Bedürfnisse sind der Grund für diese Angriffe. Hauptsächlich sind ihre Angriffe ein Ventil für die Feindseligkeit, und soweit sie damit erfolgreich sind, befriedigt es ihren Machttrieb. Von größerer Bedeutung ist, daß der Linke Wissenschaft und Rationalität ablehnt, weil damit verschiedene Ansichten als wahr (i.e. erfolgreich, überlegen) und andere Ansichten als falsch ( i.e. mißlungen , unterlegen) klassifiziert werden. Der Linke hat seine Unterlegenheitsgefühle so tief verinnerlicht, daß er eine Einteilung der Dinge als erfolgreich, überlegen und andere als mißlungen und unterlegen, nicht ertragen kann. Die Ablehnung, die viele Linke dem Konzept von mentalen Krankheiten und der Nützlichkeit von IQ-Testen entgegenbringen, beruht ebenfalls darauf. Eine genetische Erklärung für menschliche Fähigkeiten und Verhaltensnormen wird von den Linken zurückgewiesen, weil solche Erklärungen notwendigerweise dazu führen, Menschen als überlegen oder unterlegen gegenüber anderen zu kategorisieren. Dagegen neigen Linke dazu, die Gesellschaft für individuelle Fähigkeiten oder Versagen verantwortlich zu machen. Demnach ist jemand "minderwertig" nicht aus eigenem Verschulden , sondern weil die Gesellschaft bei seiner Erziehung versagt hat.
19.
Der durchschnittliche Linke mit seinen Minderwertigkeitskomplexen ist kein Angeber, Egoist, Maulheld oder skrupelloser Konkurrent, denn solche Menschen haben nicht völlig den Glauben an sich selbst verloren. Sie haben lediglich ein Defizit an Eigenvertrauen in ihre Kräfte und Selbstwertgefühle, können sich aber vorstellen, daß sie die Fähigkeit besitzen, stark zu sei. Die Ursache ihres unangenehmen Verhaltens liegt in der Anstrengung, diese Stärke zu erlangen.[1] Davon ist der Linke weit entfernt. Seine Unterlegenheitsgefühle sind so tief eingewurzelt, daß er sich nicht als stark und wertvoll begreift. Daher der Kollektivismus des Linken. Nur als Mitglied einer großen Organisation oder einer Massenbewegung, mit der er sich identifizieren kann, fühlt er sich stark.
20.
Bemerkenswert ist die masochistische Tendenz linker Vorgehensweisen. Linke protestieren, indem sie sich vor Autos auf den Boden legen, sie provozieren absichtlich die Polizei oder Rassisten, sie zu mißhandeln, usw. Diese Taktiken sind oftmals wirkungsvoll, werden aber von vielen Linken nicht als Mittel zum Zweck angewendet, sondern weil sie masochistisches Verhalten BEVORZUGEN. Selbsthaß ist ein Charakterzug des Linken.
21.
Die Linken behaupten, daß die Motivation ihres Aktivismus sich von Mitgefühl oder moralische Prinzipien herleiten, und in der Tat spielen moralische Prinzipien eine Rolle für den überangepaßten Linken. Jedoch sind Mitgefühl und moralische Prinzipien keineswegs ein Hauptmotiv linker Unternehmungen. Ein hervorragender Bestandteil linker Verhaltensweise sind Feindseligkeit (hostility) und Machttrieb (drive for power). Überdies sind linke Verhaltensformen meistens nicht rational auf das Wohlergehen der Menschen ausgerichtet, denen die Linken angeblich helfen wollen. Wenn jemand beispielsweise glaubt, daß man Schwarze unterstützen sollte, welchen Sinn hat es dann, dies in einer feindseligen oder dogmatischen Terminologie zu fordern? Es wäre wesentlich hilfreicher, gegenüber den Weißen, die sich durch solche Forderungen selbst diskriminiert fühlen, eine diplomatische und versöhnliche Sprache der Annäherung zu führen. Aber die linken Aktivisten wollen keine Annäherung , weil das ihre emotionalen Bedürfnisse nicht befriedigen würde. Ihr eigentliches Ziel ist nicht, den Schwarzen zu helfen. Stattdessen dienen ihnen Rassenprobleme als Vorwand, um ihrer Feindseligkeit und dem eigenen enttäuschten Machtbedürfnis (need for power) Ausdruck zu verleihen. Damit aber schaden sie den Schwarzen, weil die feindliche Haltung der Aktivisten gegenüber der weißen Mehrheit den Rassenhaß noch intensiviert.
22.
Würde es in unserer Gesellschaft keine sozialen Probleme geben, müßten die Linken diese Probleme ERFINDEN, um auf diese Weise einen Vorwand zu haben, sich über etwas aufregen zu können.
23.
Wir betonen nachdrücklich, daß das Vorhergehende nicht auf alle zutrifft, die sich als Linke ansehen. Es ist nur eine grobe Andeutung einer allgemein verbreiteten Tendenz des Leftismus.
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[1] (§ 19) Wir behaupten, daß ALLE, oder jedenfalls die meisten Angeber und rücksichtslosen Streber unter Minderwertigkeitsgefühlen leiden.
ÜBERANPASSUNG (Oversocialisation)
24.
Mit dem Begriff der "Sozialisierung" kennzeichnen Psychologen jenen Erziehungsprozeß, durch den Kinder in ihrem Denken und Handeln den Anforderungen der Gesellschaft angepaßt werden. Jemand, der sich den moralischen Normen seiner Gesellschaft anpaßt, an sie glaubt und als ein Teil dieser Gesellschaft funktioniert, wird als gut sozialisiert bezeichnet. Insofern scheint es sinnlos, zu behaupten, daß viele Linke überangepaßt wären, da der Linke als Aufrührer gegen die Gesellschaft angesehen wird. Dennoch kann diese Behauptung aufrecht erhalten werden. Viele Linke sind nicht solche Rebellen, wie es den Anschein hat.
25.
Die moralische Norm unserer Gesellschaft ist dermaßen anspruchsvoll, daß niemand in völliger Übereinstimmung mit dieser Moral denken, fühlen und handeln kann. Beispielsweise sollen wir niemanden hassen, dennoch haßt jeder zu irgendeinem Zeitpunkt eine Person, ganz gleich ob er das zugibt oder nicht. Manche Menschen sind in einem Maße sozialisiert, daß der Versuch moralisch zu denken, zu fühlen und zu handeln für sie eine schwere Last bedeutet. Um Schuldgefühle zu vermeiden, müssen sie sich ständig über ihre eigenen Motive betrügen und moralische Erklärungen für Gefühle und Handlungen finden, die in Wirklichkeit einen nicht-moralischen Hintergrund haben. Wir benutzen den Begriff "Überangepaßt" (oversocialized), um solche Menschen zu charakterisieren.[2]
26.
Überanpassung kann zu geringer Selbstachtung führen, ein Gefühl von Machtlosigkeit, Niederlage, Schuld usw. verursachen. Eine der wichtigsten Bedeutungen, mit denen in unserer Gesellschaft Kinder sozialisiert werden, liegt darin, ihnen ein Schamgefühl über ihr Verhalten oder Sprechen zu vermitteln, sofern dies mit den gesellschaftlichen Erwartungen nicht übereinstimmt. Wenn das im Übermaß geschieht oder ein Kind besonders aufnahmefähig für solche Gefühle ist, führt dies letztlich dazu, daß es Scham vor SICH SELBST hat. Mehr noch, das Denken und das Verhalten eines überangepaßten Menschen wird von den gesellschaftlichen Erwartungen stärker eingeschränkt als es bei einer weniger angepaßten Person der Fall ist. Die große Mehrheit der Menschen verstößt in ihrem Verhalten überwiegend gegen die Normen. Sie lügen, sie stehlen im Kleinen, sie übertreten Verkehrsgebote, sie faulenzen auf der Arbeit, sie hassen irgend jemanden, sie äußern sich abfällig oder verschaffen sich durch einen faulen Trick Vorteile gegenüber anderen. Der überangepaßte Mensch kann diese Dinge nicht tun, oder wenn er sie tut, wird er darüber mit Scham und Selbsthaß erfüllt. Er ist nicht zu Gedanken und Gefühlen fähig, die der allgemeinen moralischen Norm widersprechen, ohne daß dabei Schuldgefühle auftreten. Er kann keine "unreinen" Gedanken haben. Und so ist Anpassung nicht im eigentlichen Sinne eine Sache der Moral. Wir werden der Anpassung unterzogen, damit wir zahlreichen Verhaltensnormen entsprechen, die nicht unter die Rubrik Moral fallen. Auf diese Weise wird der überangepaßte Menschen psychologisch im Zaum gehalten und sein ganzes Leben verläuft in den von der Gesellschaft vorgeschriebenen Bahnen. Dies verursacht bei vielen Menschen ein Gefühl von Zwang und Ohnmacht, was ein schweres Leiden verursachen kann. Unserer Meinung nach gehört Überangepaßtheit zu den schlimmsten Grausamkeiten, die Menschen angetan werden können.
27.
Wir behaupten, daß Überangepaßtsein eine sehr wichtige und einflußreiche Komponente des modernen Linken ist und, daß diese Überangepaßtheit die Richtung des modernen Leftismus bestimmt hat. Der unter den Linken verbreitete überangepaßte Typus ist der Intellektuelle oder Angehörige der oberen Mittelschicht. Bemerkenswert ist, daß Intellektuelle mit Universitätsbildung[3] der am stärksten angepaßte Teil unserer Gesellschaft sind und gleichzeitig den Flügel der äußersten Linken darstellen.
28.
Dieser links orientierte überangepaßte Typus versucht sich der psychologischen Zwänge zu entledigen und seine Autonomie durch Auflehnung zu behaupten. Jedoch ist er meistens nicht stark genug, um sich gegen die Grundwerte der Gesellschaft aufzulehnen. Allgemein gesprochen, rufen die Ziele der heutigen Linken KEINEN Konflikt mit den bestehenden moralischen Normen hervor. Im Gegenteil, der Linke übernimmt die allgemein anerkannte moralische Norm und verinnerlicht sie als seine eigene, woraufhin er dann die Gesellschaft beschuldigt, diese Grundsätze zu verletzen. Beispiele dafür: Gleichheit der Rassen, Gleichheit der Geschlechter, Unterstützung der Armen, Frieden als Gegensatz zu Krieg, allgemeine Gewaltlosigkeit, Redefreiheit, Tierliebe. Demnach ist es grundsätzlich die Pflicht des Individuums, der Gesellschaft zu dienen und die Pflicht der Gesellschaft, das Individuum zu schützen. Das sind seit langer Zeit tief verwurzelte Werte unserer Gesellschaft ( oder zumindest der Mittel- und Oberklasse)[4]. Direkt oder indirekt finden diese Werte ihren Ausdruck, oder sie bilden die Grundlage in den meisten Darstellungen der allgemeinen Kommunikationsmedien sowie im Erziehungssystem. Besonders überangepaßte Linken lehnen sich nicht gegen diese Prinzipien auf, sondern rechtfertigen ihre gegensätzliche Einstellung zur Gesellschaft, indem sie (in gewissem Maße der Wahrheit entsprechend) behaupten, daß sich die Gesellschaft nicht nach diesen Prinzipien richtet.
29.
Während der überangepaßte Linke vorgibt, sich gegen unsere Gesellschaft aufzulehnen, soll an einigen Beispielen gezeigt werden, wie sehr er in Wirklichkeit mit der konventionellen gesellschaftlichen Haltung verbunden ist. Viele Linke machen sich stark dafür, daß Schwarze beruflich in angesehene Positionen aufsteigen können, setzen sich für eine bessere Erziehung an schwarzen Schulen und für stärkere finanzielle Unterstützung solcher Schulen ein. Sie betrachten die Lebensbedingungen der schwarzen "Unterklasse" als eine gesellschaftliche Schande. Der schwarze Mensch soll in das System so integriert werden, damit er der weißen oberen Mittelschicht als Geschäftsmann, Anwalt, Wissenschaftler entspricht. Die Linken werden erwidern, daß sie nichts weniger wünschen, als aus dem Schwarzen die Kopie eines Weißen zu machen, vielmehr wollten sie die Afro- Amerikanische Kultur bewahren. Aber worin besteht denn die Bewahrung der Afro-Amerikanischen Kultur? Sie kann praktisch nur darin bestehen, daß es eine typisch schwarze Küche, schwarze Musik, schwarze Mode und schwarze Kirchen bzw. Moscheen gibt. Anders gesagt, sie findet ihren Ausdruck nur in oberflächlichen Dingen. In allen WESENTLICHEN Beziehungen haben die meisten überangepaßten Linken das Ideal des Mittelklasse-Weißen, dem der Schwarze sich anpassen soll. Wenn es nach ihnen ginge, soll er Technik studieren, eine Ausbildung als Wissenschaftler bekommen, sein Leben damit verbringen, die Karriereleiter zu erklimmen und so nachweisen, daß die schwarzen Menschen genauso gut wie die Weißen sind. Schwarze Väter sollen sich "verantwortlich" fühlen, schwarze Banden sollen gewaltlos werden etc. Aber das sind genau die Werte des industriellen-technologischen Systems. Dem System ist es egal, welche Art von Musik jemand hört, wie er sich kleidet oder welche Religion er hat, so lange er die Schule besucht, einen angesehen Beruf ausübt, gesellschaftlich aufsteigt, verantwortlich in seiner Elternschaft ist, gewaltlos usw. Schließlich läuft es darauf hinaus, daß der überangepaßte Linke den schwarzen Menschen in das System integrieren will und von ihm verlangt, dessen Werte zu übernehmen.
30.
Wir behaupten nicht, daß überangepaßte Linke NIEMALS gegen grundsätzliche Werte unserer Gesellschaft aufbegehren. Mitunter tun sie das natürlich. Manche überangepaßten Linken sind soweit gegangen, daß sie mit physischer Gewalt gegen die wichtigsten Prinzipien der modernen Gesellschaft aufbegehrten. Nach eigener Einschätzung bedeutet Gewalt für sie eine Art von "Befreiung". Mit anderen Worten, sie benutzen Gewalt, um sich von den antrainierten psychologischen Zwängen zu befreien. Da sie überangepaßt sind, waren sie von diesen Zwängen stärker eingeengt als andere, daher ihr starkes Bedürfnis, sich davon zu befreien. Aber sie rechtfertigen ihre Auflehnung meistens in den üblichen Wertebegriffen. Wenn sie Gewalt anwenden, begründen sie das mit Kampf gegen den Rassismus oder ähnlichem.
31.
Wir sind uns im Klaren darüber, daß es viele Einwände gegen die hier grob skizzierte linke Psychologie gibt. Die Situation ist vielschichtig, und etwas wie eine umfassende Beschreibung würde unter Einbeziehung aller Fakten mehrere Bände füllen. Wir wollten ganz allgemein die beiden wichtigsten Tendenzen der Psychologie des modernen Leftismus andeuten.
32.
In den Problemen der Linken zeichnet sich die Problematik unserer gesamten Gesellschaft ab. Geringes Selbstwertgefühl, depressive Tendenzen und Niedergeschlagenheit sind nicht allein auf die Linken beschränkt. Wenn sie auch ein besonderes Charakteristikum der Linken sind, so sind sie auch in der gesamten Gesellschaft weitverbreitet. Die heutige Gesellschaft versucht uns in einem weitaus größeren Umfang anzupassen als irgendeine frühere. Experten bringen uns sogar bei, wie wir essen, uns bewegen, lieben und unsere Kinder erziehen sollen.
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[2] (§ 25) Im Viktorianischen Zeitalter litten viele überangepaßte Menschen als Folge der Unterdrückung oder des Versuchs, ihre sexuellen Gefühle zu unterdrücken, an ernsthaften psychologischen Problemen. Die Theorien von Freud basieren offenbar auf diesem Menschentypus. Heute hat sich der Schwerpunkt der Anpassung von der Sexualität auf die Aggression verlagert.
[3] (§ 27) Nicht unbedingt dazu gehören die Spezialisten der sogenannten "harten" Wissenschaften [Naturwissenschaften].
[4] (§ 28) Viele Menschen der Mittel- und Oberklasse lehnen sich gegen einige dieser Werte auf, aber im allgemeinen ist ihre Auflehnung mehr oder weniger verdeckt. In den Massenmedien wird nur selten über solchen Widerstand berichtet. Die Hauptrichtung der Propaganda findet in unserer Gesellschaft zugunsten der genannten Werte statt. Die Hauptgründe, weshalb diese Werte in unserer Gesellschaft diesen Stellenwert bekommen haben, liegen darin, daß sie nützlich für das industrielle System sind. So wird Gewalt verurteilt, weil es das System empfindlich stört. Rassismus wird abgelehnt, weil ethnische Konflikte das System ebenfalls beeinträchtigen und Diskriminierung von Angehörigen der Minderheiten dem System abträglich sind, weil dadurch brauchbare Talente verloren gehen. Armut muß "ausgemerzt" werden, weil die [gesellschaftliche] Unterklasse dem System sonst Schwierigkeiten macht und Kontakte mit der Unterklasse die Moral der anderen Schichten schwächt. Frauen werden ermutigt, Karriere zu machen, weil ihre Begabungen dem System zugute kommen. Noch wichtiger ist die Tatsache, daß berufstätige Frauen sich besser in das System integrieren und ihm stärker verbunden sind als ihren Familien. Das trägt dazu bei, die Familiensolidarität zu schwächen. (Die Führer des Systems behaupten, sie wollten die Familie stärken, in Wirklichkeit aber benutzen sie die Familie als effektives Werkszeug zur Sozialisierung von Kindern, zum Nutzen des Systems. Wir begründen in den Paragraphen 51, 52, daß das System kein Interesse hat, die Familie oder andere kleine gesellschaftliche Gruppen zu stärken.)
SELBSTVERWIRKLICHUNG (Power Process)
33.
Menschen haben ein Bedürfnis - möglicherweise biologisch bedingt - nach etwas, das wir den "power process" - Selbstverwirklichung - nennen wollen. Es ist eng verbunden mit dem Bedürfnis nach Macht - weithin bekannt - aber es ist nicht damit gleichzusetzen. Der Power Process besteht aus vier Elementen. Die drei am deutlichsten erkennbaren nennen wir Ziel, Anstrengung und Erreichen des Ziels. (Jeder braucht Ziele, die Anstrengungen erfordern und muß wenigstens beim Erreichen einiger seiner Ziele erfolgreich sein ). Das vierte Element ist schwieriger zu definieren und vielleicht nicht für jeden notwendig. Wir nennen es Autonomie und werden darüber später sprechen (§ 42-44).
34.
Nehmen wir den hypothetischen Fall eines Menschen, der alles, was er sich wünscht, bekommt. Dieser Mensch hat zwar Macht, aber er wird schwere psychologische Probleme bekommen. Am Anfang wird es ihm Spaß machen, aber nach und nach wird er Langeweile empfinden und demoralisiert werden. Vielleicht wird er krankhaft depressiv. Die Geschichte zeigt, daß die müßige Aristokratie schließlich dekadent wurde, nicht aber die um ihre Macht kämpfenden Aristokraten. Die Aristokratie, die nicht um ihre Macht kämpfen mußte, wurde trotz ihrer Machtfülle hedonistisch und demoralisiert. Das macht deutlich, daß Macht allein nicht genügt, vielmehr muß sie zielgerichtet sein.
35.
Jeder hat Ziele; selbst wenn diese nur darin bestehen, den lebensnotwendigen Unterhalt zu erlangen: Nahrung, Wasser, Kleidung und dem Klima angemessene Unterkunft. Der müßigen Aristokraten hatte diese Dinge ohne eigene Anstrengungen, daher seine Langeweile und der Sittenverfall.
36.
Das Nichterreichen lebenswichtiger Ziele endet mit dem Tod, wenn es sich dabei um physisch notwendige Ziele handelt, und mit Enttäuschung, wenn das Nichterreichen der Ziele gleichbedeutend mit dem Überleben ist. Ständiges Scheitern beim Versuch seine Ziele zu erreichen, führt schließlich zu Niedergeschlagenheit, geringem Selbstbewußtsein oder Depression.
37.
Um ernsthafte psychologische Probleme zu vermeiden, muß ein Mensch Ziele haben, deren Erreichen Anstrengung verlangt, und er muß wenigstens teilweise erfolgreich beim Erreichen dieser Ziele sein.
ERSATZHANDLUNGEN (Surrogate Activities)
38.
Nicht jeder müßige Aristokrat muß Langeweile empfinden. Kaiser Hiroshito widmete sich der Meeresbiologie anstelle einem dekadenten Hedonismus zu verfallen und wurde auf diesem Gebiet sogar sehr anerkannt. Wenn Menschen ohne physische Anstrengung ihre körperlichen Bedürfnisse befriedigen können, schaffen sie sich künstliche Ziele. Meistens verfolgen sie diese Ziele mit derselben Energie und emotionalem Einsatz, wie sie diese sonst für das Erreichen physischer Notwendigkeiten eingesetzt hätten. So beschäftigten sich die Aristokraten des Römischen Reiches mit Literatur, vor einige Jahrhundert widmete sich die europäische Aristokratie intensiv der Jagd. Andere Aristokratien versuchten ihr Ansehen zu vergrößern, indem sie ihren Reichtum vermehrten, und einige Aristokraten, wie Hirohito, wandten sich der Wissenschaft zu.
39.
Mit dem Begriff "Ersatzhandlung" (Surrogate Activity) bezeichnen wir eine Handlung, die sich auf ein künstliches Ziel richtet, welches sich Menschen nur deshalb setzen, damit sie etwas haben, wonach sie streben können. Mit anderen Worten, es geht ihnen bei der Erreichung des Ziels letztlich nur um die "Durchführung". Hierin besteht die Faustregel der Identifikation mit den Ersatzhandlungen. Angenommen, ein Mensch widmet einem Ziel X viel Zeit und Energie, dann kann man sich fragen, ob derjenige, nachdem er seine Zeit und Energie ausschließlich dafür einsetzt, seine biologischen Bedürfnisse zu befriedigen, und diese Bemühungen seine körperlichen und geistige Fähigkeiten auf vielfältige Weise in Anspruch nehmen würden, enttäuscht wäre, wenn er das Ziel X nicht erreicht? Wenn die Antwort negativ ausfällt, kann man davon ausgehen, daß das Ziel X eine Ersatzhandlung für ihn bedeutet. Mit Sicherheit sind Hirohitos Studien der Meeresbiologie eine Ersatzhandlung, denn müßte Hirohito seinen Lebensunterhalt mit einer nicht- wissenschaftlichen Tätigkeit verdienen, würde er keinen Verlust darüber empfinden, daß er dann nichts über die Anatomie und Lebenszyklen von Meerestieren wüßte. Andererseits ist beispielsweise der Wunsch nach Sexualität und Liebe keine Ersatzhandlung. Die meisten Menschen würden es als Verlust empfinden, wenn sie ihr Leben ohne eine Beziehung zum anderen Geschlecht verbringen müßten, auch wenn sie alles andere hätten. (Übersteigt jedoch das Bedürfnis nach Sexualität das normale Maß, kann auch das zu einer Ersatzhandlung werden.)
40.
In der modernen Industriegesellschaft sind nur geringe Anstrengungen notwendig, um die physischen Bedürfnisse zu erfüllen. Es ist ausreichend, in einer Ausbildung einige technische Fähigkeiten zu erwerben, pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen und mit geringem Aufwand seinen Arbeitsplatz zu erhalten. Die einzige Anforderung besteht in einem bescheidenen Maß an Intelligenz, vor allem aber in UNTERORDNUNG. Wer das erfüllt, für den sorgt die Gesellschaft von der Wiege bis zum Grabe. (Sicher gibt es eine Unterschicht, deren physische Bedürfnisse nicht erfüllt werden, wir sprechen hier jedoch von der Durchschnittsgesellschaft). So ist es nicht verwunderlich, daß Ersatzhandlungen in der moderne Gesellschaft häufig vorkommen. Dazu gehören die wissenschaftliche Forschung, der Sport, der Einsatz für Menschenrechte, die künstlerische und literarische Produktion, der gesellschaftliche Aufstieg, der Erwerb von materiellem Reichtum und gesellschaftliche Aktivitäten, die sich mit Dingen beschäftigen, die für den Handelnden persönlich unwichtig sind, wie im Falle der weißen Menschenrechtler, die sich für die Rechte der farbigen Minderheiten einsetzen. Das sind nicht immer REINE Ersatzhandlungen, weil sie bei vielen Menschen teilweise aus anderen Motiven als aus dem Bedürfnis abgeleitet werden, irgendein Ziel zu haben. Ein Motiv der wissenschaftlichen Arbeit liegt teilweise in der Absicht, Prestige zu erlangen, künstlerische Kreativität will auch Gefühle zum Ausdruck bringen, militantes gesellschaftliches Vorgehen entsteht oft aus einer allgemeinen Feindseligkeit. Aber für die meisten Menschen, die diese Ziele verfolgen, sind alle diese Aktivitäten größtenteils Ersatzhandlungen. Die Mehrheit der Wissenschaftler wird beispielsweise darin übereinstimmen, daß für sie das "Vollbringen" wichtiger ist als Geld und Prestige, das sie dafür erhalten.
41.
Für viele, sogar für die meisten Menschen, sind Ersatzhandlungen weniger befriedigend als das Streben nach realen Zielen (Ziele, die Menschen wirklich erreichen wollen, auch wenn ihr Bedürfnis nach Selbstverwirklichung (Power Process) schon erfüllt ist.) Das zeigt sich in der Tatsache, daß diejenigen Menschen, die sich mit Ersatzhandlungen beschäftigen, immer rastlos, niemals zufrieden sind. So wie der Geldgierige nach immer mehr Reichtum strebt, der Wissenschaftler, kaum daß er ein Problem gelöst hat, das nächste in Angriff nimmt, der Langstreckenläufer sich immer größere Schnelligkeit abverlangt. Viele Menschen, die sich Ersatzhandlungen suchen, werden behaupten, daß sie dadurch größere Zufriedenheit erlangen als durch die alltägliche Geschäftigkeit mit ihren biologischen Bedürfnissen. Das kommt daher, weil die Befriedigung biologischer Bedürfnisse in unserer Gesellschaft trivial geworden ist. Noch wichtiger ist, daß in unserer Gesellschaft Menschen ihre biologischen Bedürfnisse nicht mehr AUTONOM befriedigen können, sondern nur als Teil einer riesigen sozialen Maschinerie funktionieren. Dagegen können Menschen bei ihren Ersatzhandlungen ein großes Maß an Autonomie einbringen.
SELBSTBESTIMMUNG (Autonomy)
42.
Autonomie als Teil der Selbstverwirklichung (Power Process) ist nicht für jeden einzelnen notwendig. Die meisten Menschen brauchen aber ein bestimmtes Maß an Selbstbestimmung, um ihre Ziele zu verwirklichen. Sie müssen in der Lage sein, ihre Leistungen durch eigene Entschlüsse zu verwirklichen und unter eigener Führung und Kontrolle durchzuführen. Dennoch sind die meisten Menschen als einzelne Persönlichkeiten nicht in der Lage, diese Initiative, Leitung und Kontrolle auszuüben. Gewöhnlich reicht es aus, als Mitglied einer KLEINEN Gruppe zu handeln. Wenn also ein halbes Dutzend Menschen untereinander ein bestimmtes Ziel diskutiert und gemeinsam erfolgreich durchführt, wird ihr Bedürfnis nach Selbstverwirklichung dadurch befriedigt. Müssen sie jedoch unter strenger Anweisung von oben arbeiten und es bleibt kein Raum für autonome Entscheidung und Eigeninitiative, dann wird das ihrem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung nicht dienen. Dasselbe geschieht, wenn Entscheidungen auf kollektiver Basis getroffen werden und die Gruppe, die Entscheidungen trifft, so groß ist, daß jeder einzelne nur eine unbedeutende Rolle spielt. [5]
43.
Es stimmt, daß einige Menschen offenbar kein großes Bedürfnis nach Autonomie haben. Entweder ist ihr Wunsch nach Selbstverwirklichung nur schwach entwickelt oder sie können ihn befriedigen, indem sie sich mit einer starken Organisation, der sie angehören, identifizieren. Es gibt auch den völlig geistlosen, animalischen Typus, der nur eine physische Selbstverwirklichung anstrebt (der gute Kampfsoldat, der sein Machtgefühl durch Kampfgeschick erhält und diese Qualität in blindem Gehorsam für seine Vorgesetzten einsetzt).
44.
Die meisten Menschen aber gewinnen durch ihre Selbstverwirklichung (Power Process), indem sie ein Ziel haben und AUTONOME Anstrengungen unternehmen, um dieses Ziel dadurch zu erreichen, Selbstachtung, Selbstvertrauen und ein Machtgefühl. Hat jemand keine ausreichende Möglichkeit, um eine Selbstverwirklichung zu erfahren, so ergeben sich als Folgen daraus (abhängig von der Person und auf welche Weise die Selbstverwirklichung zerstört wurde) Langeweile, Mutlosigkeit, geringe Selbstachtung, Minderwertigkeitsgefühle, Niedergeschlagenheit, Depression, Angst, Schuldgefühl, Enttäuschung, Feindseligkeit, Mißhandlung von Ehegatten oder Kindern, unersättliche Triebhaftigkeit, unnormales sexuelles Verhalten, Schlafstörungen, Eßstörungen usw. [6]
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[5] (§ 42) Man kann die Behauptung aufstellen, daß die meisten Menschen gar nicht ihre eigenen Entscheidung treffen wollen, sondern sich Führer wünschen, die ihnen das Denken abnehmen. Daran ist etwas wahres. Die meisten Menschen wollen zwar im kleinen ihre Entscheidungen treffen, bei Entscheidung über schwierige und wesentliche Fragen wird man aber mit psychologischen Konflikten konfrontiert. Dies ist den meisten Menschen unangenehm. Daraus kann man aber nicht schließen, daß sie auf jegliche Einflußnahme der ihnen abgenommenen Entscheidungen verzichten wollen. Die Mehrheit besteht natürlich nicht aus Führern, sondern aus Anhängern, jedoch möchten diese einen direkten und persönlichen Bezug zu den Führern haben und auf diese Weise Einfluß auf ausüben so am Prozeß schwieriger Entscheidungen teilnehmen. Soweit geht wenigestens ihr Bedürfnis nach Selbstbestimmung.
[6] (§ 44) Einige der hier aufgezählten Symptome finden sich auch bei Tieren, die in Käfigen gehalten werden. Hier soll erklärt werden, auf welche Weise diese Verlustsymptome im Zusammenhang mit der Selbstverwirklichung stehen: Nach allgemeinem Verständnis der menschlichen Natur führt das Fehlen von Zielen, die Anstrengung erfordern zu Langeweile und diese führt, wenn sie über einen längeren Zeitraum anhält, häufig zur Depression. Wenn Ziele nicht erreicht werden können, entsteht Frustration und das Selbstwertgefühls wird geringer. Frustration führt zu Wut und aus Wut entsteht Aggression, oft in Form von Gewalt gegen Kinder und Ehefrauen. Es wurde nachgewiesen, daß langanhaltende Frustrationsgefühle zu Depressionen führen und das diese Schuldgefühle, Schlaf- und Eßstörungen sowie Mißbehagen verursachen. Als Gegenmittel suchen die von Depressionen Betroffenen oft Vergnügungen, die ihren Ausdruck in unersättlicher Genußsucht und exzessiver Sexualität findet. Dabei machen Perversionen einen besonderen Reiz aus. Auch Langeweile führt oft zu ausschweifender Vergnügungssucht. Aus Mangel an anderen Zielen sehen viele im Vergnügen selbst ein Ziel. (vgl. Diagramm). Das vorhergehende ist eine Vereinfachung. Die Realität ist komplexer und der Verlust der Selbstverwirklichung ist nicht die EINZIGE Ursache für die beschriebenen Symptome. Übrigens meinen wir mit der hier erwähnten Depression nicht notwendigerweise eine Depression, die vom Psychiater behandelt werden muß. Häufig handelt es sich um leichte Formen von Depressionen. Auch die hier angesprochenen Ziele beziehen sich nicht auf langfristige Ziele. Im Laufe der Menschheitsgeschichte waren existentielle Ziele, die sich auf die Selbsterhaltung und den Erhalt der Familie durch die Sorge um die tägliche Nahrung beschränken, für die meisten Menschen ausreichend gewesen.
URSPRÜNGE GESELLSCHAFTLICHER PROBLEME
45.
Alle bisher dargestellten Symptome können in jeder Gesellschaft auftreten, in der modernen industriellen Gesellschaft sind sie jedoch in verstärktem Maße vorhanden. Wir sind nicht die ersten, die darauf hinweisen, daß die heutige Welt aus den Fugen gerät. Es handelt sich um eine außergewöhnliche Situation innerhalb der menschlichen Gesellschaft. Es gibt gute Gründe, die dafür sprechen, daß der primitive Mensch weniger unter Stress und Frustration gelitten hat und mit seiner Lebensweise zufriedener gewesen ist als der moderne Mensch. Natürlich war es auch in primitiven Gesellschaften nicht einfach zu überleben. Unter den australischen Eingeborenen war die Mißhandlung von Frauen üblich, bei den Indianerstämmen Amerikas war Transsexualität verbreitet. Dennoch läßt sich im ALLGEMEINEN SAGEN, daß die in den vorangegangenen Abschnitten aufgeführten Probleme unter primitiven Völkern weit weniger vorhanden waren als in der modernen Gesellschaft.
46.
Zu den sozialen und psychologischen Probleme der modernen Gesellschaft muß die Tatsache hinzugefügt werden, daß diese Gesellschaft von den Menschen verlangt, unter gänzlich anderen Bedingungen zu leben, als jenen, unter denen sich die Menschheit bisher entwickelt hat. Sie fordert ein Verhalten, das nicht den Verhaltensmustern der Menschheit unter früheren Lebensbedingungen entspricht. Aus dem vorhergehenden wird deutlich, daß unserer Meinung nach das Fehlen der Selbstverwirklichung (Power Process) das wichtigste Element der ungewöhnlichen Lebensbedingungen ist, denen die Menschen der modernen Gesellschaft unterworfen sind. Aber nicht allein das. Bevor wir den Auflösung der Selbstverwirklichung als einen Ursprung gesellschaftlicher Probleme behandeln, wollen wir einige andere Gründe erörtern.
47.
Zu den abnormen Bedingungen der modernen industriellen Gesellschaft gehört das ständig zunehmende Bevölkerungswachstum, die Isolation des Menschen von der Natur, die außerordentliche Schnelligkeit sozialer Veränderungen und der Zusammenbruch von natürlichen kleinen Gemeinschaften wie der Großfamilie, des Dorfes oder des Stammes.
48.
Bekanntlich werden Stress und Aggression durch Menschenmengen verursacht. Der Grad der heutigen Übervölkerung und die Isolation des Menschen von der Natur sind Folgen des technologischen Fortschritts. Alle vorindustriellen Gesellschaften waren überwiegend landwirtschaftlich organisiert. Die industrielle Revolution hat die Städte mit ihren Bevölkerungsanteil ungeheuer anwachsen lassen. Durch die moderne landwirtschaftliche Technologie wurde in einem nie gekanntem Ausmaß die Möglichkeit geschaffen, die riesige Bevölkerung der Erde zu ernähren. (Technologie verschlimmert die Folgen der Übervölkerung noch dadurch, daß sie den Menschen zerstörerische Kräfte zugänglich gemacht hat. Zum Beispiel lärmerzeugende Geräte wie Mähmaschinen, Radios, Motorräder usw. Wenn der Gebrauch dieser Geräte nicht beschränkt ist, werden ruhesuchende Menschen durch Lärm gestört. Wird der Gebrauch jedoch eingeschränkt, fühlen sich die Menschen, die die Geräte benutzen, durch die gesetzliche Einschränkung beeinträchtigt. Wären diese Maschinen nicht erfunden worden, gäbe es keine Konflikte.)
49.
Für primitive Gesellschaften stellt die natürliche Umwelt (die sich gewöhnlich nur langsam verändert) ein stabiles System dar und gibt ihnen Sicherheit. In der modernen Welt beherrscht die menschliche Gesellschaft die Natur eher als umgekehrt, und die moderne Gesellschaft verändert sich sehr schnell durch den technologischen Fortschritt. Deshalb existiert kein stabiles System.
50.
Die Konservativen sind Dummköpfe: sie jammern über den Verfall der traditionellen Werte, während sie den technischen Fortschritt und das Wirtschaftswachstum kräftig unterstützen. Offenbar fällt es ihnen nicht ein, daß man unmöglich schnelle und drastische Veränderungen in Technologie und Wirtschaft haben kann, ohne gleichzeitig in einer Gesellschaft Veränderungen aller ihrer Aspekte zu verursachen, dies muß zu einem unvermeidlichen Zusammenbruch der traditionellen Werte führen.
51.
Der Zusammenbruch traditioneller Werte beinhaltet in einem gewissen Maß die Zerstörung der Bindungen, die traditionelle soziale kleine Gemeinschaften zusammenhalten. Das Auseinanderfallen kleiner sozialer Gruppen wird noch dadurch gefördert, daß die modernen Lebensbedingungen einzelne oft dazu verleiten oder es erforderlich machen, neue Wohnorte zu suchen und sich von den ursprünglichen Lebensgemeinschaften trennt. Darüber hinaus MUSS die technologische Gesellschaft die Familienbande und lokalen Gemeinschaften schwächen, damit sie leistungsfähig funktionieren kann. Die Loyalität des einzelnen muß in der modernen Gesellschaft an erster Stelle dem System gelten und erst dann einer kleineren Gemeinschaft, denn umgekehrt würden solche kleineren Gemeinschaft auf Kosten des Systems zuerst ihren eigenen Vorteil suchen.
52.
Angenommen, ein öffentlicher Beamter oder ein Verwaltungsangestellter gibt seinem Vetter, seinem Freund oder seinem Glaubensgenossen eher einen Posten, als einer Person, die für diese Arbeit am besten qualifiziert ist, dann hätte er seine persönliche Loyalität vor die Loyalität gegenüber dem System gesetzt. Wir haben es dann mit "Nepotismus" oder "Diskriminierung" zu tun, welche beide als schlimme Vergehen in der modernen Gesellschaft gelten. Sogenannte industrielle Gesellschaften, denen es nicht gelingt, persönliche oder ortsbedingte Loyalität der Loyalität gegenüber dem System zu unterstellen, sind gewöhnlich nicht leistungsfähig (Beispiel: Lateinamerika). Somit kann eine fortschrittliche industrielle Gesellschaft kleine Gemeinwesen nur dann tolerieren, wenn diese begrenzt sind und dem System als willfähriges Werkzeuge dienen. [7]
53.
Als Auslöser sozialer Probleme werden weitgehend Bevölkerungsdichte, schnelle gesellschaftliche Veränderungen und der Zusammenbruch von Gemeinschaften angesehen. Dennoch glauben wir nicht, daß damit alle heute auftretenden Probleme erklärt werden können.
54.
Einige vorindustrielle Stadtstaaten waren sehr ausgedehnt und hatten eine große Bevölkerung, dennoch haben ihre Einwohner nicht in diesem Ausmaß psychologische Schwierigkeiten gehabt wie der moderne Mensch. In Amerika gibt es heute noch dünn besiedelte ländliche Gebiete, aber auch dort finden wir dieselben Probleme wie in städtischen Umgebungen, obwohl sie weniger ausgeprägt sind. Somit scheint die Bevölkerungsdichte allein nicht der entscheidende Faktor zu sein.
55.
Mit der Ausdehnung des amerikanischen Grenzlandes (Wilder Westen) im 19. Jahrhundert hat die Bevölkerungsverschiebung wahrscheinlich in demselben Maße Großfamilien und kleine soziale Gemeinschaften auseinandergerissen, wie dies heute geschieht. Tatsächlich lebten damals viele Kleinfamilien freiwillig in völliger Abgeschiedenheit. Im weiten Umkreis gab es keine Nachbarn, keine Verbindung zu Ortschaften, dennoch scheint dies nicht zu Problemen geführt zu haben.
56.
Darüber hinaus veränderte sich die amerikanische Pioniergesellschaft schnell und tiefgehend. Ein Mensch konnte nun in einer Blockhütte geboren werden und außerhalb von Gesetz und Ordnung aufwachsen. Seine Nahrung bestand dann vor allem aus Wildfleisch. Und dann konnte es geschehen, daß er im Laufe der Zeit in einem geordneten Gemeinwesen lebte, das den Gesetzen unterstand und arbeitete. Das war eine größere Lebensumstellung, als die im heutigen modernen Leben eines Menschen vorkommenden Veränderungen. Dennoch scheint dies nicht zu gravierenden psychologischen Störungen geführt zu haben. Tatsächlich herrschte in der amerikanischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts eine optimistische und von Selbstvertrauen geprägte Lebenseinstellung vor, im Gegensatz zur heutigen Gesellschaft. [8]
57.
Der Unterschied, so meinen wir, liegt darin, daß der moderne Mensch das berechtigte Gefühl hat, daß ihm die Veränderung AUFGEZWUNGEN wird, während der Grenzbewohner des 19. Jahrhunderts das ebenso berechtigte Gefühl hatte, daß er selbst aus freiem Willen die Lebensveränderung gewollt hatte. Ein Pionier dieser Zeit suchte damals auf eigene Faust ein Stück Land, auf dem er sich ansiedelte und mit eigener Anstrengung daraus eine Farm entstehen ließ. So konnte in diesen Zeiten ein ganzer Landkreis nur zweihundert Einwohner haben und war im Vergleich zu einem modernen Bezirk viel abgeschiedener und autonomer. Der Farmer dieser Zeit gehörte einer verhältnismäßig kleinen Gruppe an, aus der ein neu geordnete Gemeinwesen entstand. Man kann natürlich fragen, ob die Schaffung dieses Gemeinwesens ein Fortschritt war, jedenfalls aber befriedigte es die Bedürfnisse der Pioniere in ihrer Selbstverwirklichung (Power Process).
58.
Man könnte auch andere Beispiele anführen, wo Gesellschaften einem schnellen Wandel und/oder Mangel enger Gemeinschaftsbindungen unterworfen gewesen sind, ohne daß eine umfassende Verhaltensabweichung wie in der heutigen industriellen Gesellschaft aufgetreten ist. Wir behaupten, daß der wichtigste Grund sozialer und psychologischer Probleme in der modernen Gesellschaft darin liegt, daß die Menschen zu wenig Gelegenheit finden, auf normale Weise eine Selbstverwirklichung (Power Process) zu erleben. Wir wollen damit nicht behaupten, daß nur die modernen Gesellschaft den Prozeß der Selbstverwirklichung zerstört. Wahrscheinlich haben fast alle Zivilisationsgesellschaften die Selbstverwirklichung in größerem oder kleinerem Umfang verhindert, aber in der modernen industriellen Gesellschaft zu einem akuten Problem geworden. Der Leftismus in seiner neuesten Form seit Mitte des 20. Jahrhunderts, ist teilweise ein Symptom des Verlustes der Selbstverwirklichung .
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[7] (§ 52) Für einige Gruppierungen wie die Amish-Gemeinschaft kann es Ausnahmen geben, da diese kaum eine Auswirkung auf die Gesellschaft als ganzes haben und sich passiv auf sich selbst bezogen verhalten. Außer diesen gibt es noch andere kleine Gemeinschaften im heutigen Amerika. Dazu gehören Jugendbanden und Sekten. Im allgemeinen werden sie als gefährlich angesehen, was auch zutrifft, weil die Mitglieder dieser Gruppen vor allem untereinander eher solidarisch sind als gegenüber dem System, von dem sie deshalb nicht kontrolliert werden können. Ein anderes Beispiel sind die Zigeuner. Sie sind dafür bekannt, daß sie stehlen und betrügen, wegen ihrer Loyalität zueinander wird sich immer ein Zigeuner finden, der für ihre "Unschuld" bürgt. Das System würde sicher ernsthafte Probleme bekommen, wenn sich die Zahl solcher Bevölkerungsgruppen erhöhen würde. Einige der chinesischen Denker des frühen 20. Jahrhunderts, die sich mit der Modernisierung Chinas beschäftigten, kamen zu der Erkenntnis, daß kleine Gesellschaftsgruppen wie die Familie verschwinden müßten:"(Nach Sun Yat-sen) benötigt das chinesische Volk eine neue Welle von Patriotismus, die es von seiner Loyalität gegenüber der eigenen Familie zu einer Staatsloyalität führt... (Nach Li Huang) müssen die Familienbindungen verschwinden, wenn jemals Nationalismus in China entstehen sollte ." (Chester C.Tan, Chinese Political Thought in the Twentieth Century, p. 125, p. 297)
[8] (§ 56) Natürlich wissen wir, daß das Amerika des 19. Jahrhunderts auch seine ernsten Probleme hatte, wegen der hier gebotenen Kürze können wir aber nur eine vereinfachte Darstellung geben.
ZUSAMMENBRUCH DES POWER PROCESS IN DER MODERNEN GESELLSCHAFT
59.
Wir teilen die menschlichen Triebkräfte in drei Gruppen ein: (1) Triebkräfte, die durch geringe Anstrengung befriedigt werden (2) Triebkräfte, die nur durch starke Anstrengung befriedigt werden (3) Triebkräfte, die trotz aller Anstrengungen nicht befriedigt werden können. Die Selbstverwirklichung ist jener Prozeß, der die Triebkräfte der zweiten Gruppe befriedigt. Je mehr Triebkräfte der dritten Gruppe vorhanden sind, um so stärker sind Gefühle von Enttäuschung, Niedergeschlagenheit, Depression usw.
60.
In der modernen industriellen Gesellschaft besteht die Tendenz, die natürlichen menschlichen Triebkräfte in die erste und dritte Gruppe einzufügen, während die zweite Gruppe immer stärker aus künstlich geschaffenen Bedürfnissen besteht.
61.
In primitiven Gesellschaften gehören physische Bedürfnisse im allgemeinen in Gruppe Zwei: Man kann diese nur auf Kosten großer Anstrengungen befriedigen. In der modernen Gesellschaft ist die Befriedigung der physischen Bedürfnisse des einzelnen bei geringem Aufwand zumeist gewährleistet.[9] Somit werden die physischen Bedürfnisse der Gruppe 1 zugeordnet. ( Man kann darüber streiten, ob die Erhaltung eines Arbeitsplatzes zu den geringen Bedürfnissen gehört; dennoch ist die einzige Voraussetzung dafür, einen einfachen oder mittleren Arbeitsplatz zu halten, nichts weiter als UNTERORDNUNG. Man steht oder sitzt an der Stelle, auf die man plaziert wird und tut der Anweisung gemäß, was einem übertragen wird. Nur selten sind ernsthafte eigene Anstrengungen nötig, eigene Entscheidungen bei der Arbeit kommen so gut wie nicht in Betracht. Damit wird die Selbstverwirklichung Power Process nicht gefördert).
62.
Soziale Bedürfnisse wie Sexualität, Liebe und gesellschaftliches Ansehen werden in der modernen Gesellschaft oft in Gruppe 2 verwirklicht, dies ist abhängig von der Situation des Einzelnen.[10] Aber abgesehen von Menschen, die ein starkes Bedürfnis haben, einen hohen Status zu erreichen, ist die notwendige Anstrengung zur angemessenen Befriedigung dieser sozialen Bedürfnisse als Selbstverwirklichungsprozeß ungenügend.
63.
Deshalb entstanden künstliche Bedürfnisse, die in der modernen Gesellschaft der Gruppe 2 zugeordnet werden und dem Bedürfnis der Selbstverwirklichung dienen. Es wurden Werbung und Marketingtechniken entwickelt, die bei vielen Menschen Bedürfnisse erwecken, von denen ihre Großeltern niemals geträumt hatten. Damit diese künstlichen Bedürfnisse befriedigt werden können, müssen ernsthafte Anstrengungen unternommen werden, um genügend Geld dafür zu verdienen. Somit gehören sie in Gruppe 2 (vgl. § 80-82). Der moderne Mensch muß den für ihn notwendigen Selbstverwirklichungsprozeß weitgehend dadurch befriedigen, daß er sich die künstlich durch Werbung und Industrie- Marketing geschaffenen Bedürfnisse erfüllt [11] und indem er Ersatzhandlungen (Surrogate Activities) ausführt.
64.
Es scheint, daß diese künstlichen Formen der Selbstverwirklichung für viele Menschen, vielleicht für die Mehrheit, unbefriedigend sind. Ein immer wiederkehrendes Thema in den sozialkritischen Schriften der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Zwecklosigkeit, unter der viele Menschen in der modernen Gesellschaft leiden. (Diese Zwecklosigkeit hat auch andere Bezeichnungen wie "anomic" oder "Mittelklasse-Vakuum"). Wir vermuten, daß die sogenannte "Identitätskrise" genaugenommen eine Sinnsuche, oftmals nach einer geeigneten Ersatzhandlung, ist. Es wäre möglich, daß der Existentialismus in weiten Teilen eine Antwort auf die Ziellosigkeit des modernen Lebens ist. [12] In der modernen Gesellschaft ist die Suche nach der "Erfüllung" sehr verbreitet. Wir sind aber der Ansicht, daß für die Mehrheit der Menschen eine Handlung, deren Hauptziel die Erfüllung ist (das heißt eine Ersatzhandlung), nicht zu einer wirklichen Erfüllung führen kann. Mit anderen Worten, das Bedürfnis der Selbstverwirklichung wird nicht gänzlich zufriedengestellt. (vgl. § 41). Dieses Bedürfnis kann nur durch Handlungen befriedigt werden, die ein äußeres Ziel haben, wie physische Bedürfnisse, Sexualität, Liebe, Ansehen, Vergeltung usw.
65.
Allerdings, wo das angestrebte Ziel darin besteht, durch Geldverdienen soziales Ansehen zu gewinnen oder an irgendeiner Stelle im System eine Rolle zu spielen, sind die meisten Menschen nicht in der Lage, ihre Ziele SELBSTBESTIMMT (AUTONOM) zu erreichen. Die meisten Arbeiter sind als Angestellte von jemandem abhängig und müssen, wie wir in § 61 dargelegt haben, ihren Tagesablauf nach Anweisungen verbringen. Auch diejenigen, die ein eigenes Unternehmen haben, gewinnen damit nur begrenzte Unabhängigkeit. Immer wieder beklagen Unternehmer und kleine Gewerbetreibende die zu weitgehenden staatlichen Vorschriften. Ein großer Teil von Unternehmern arbeitet mit dem Franchise System. Das Wall Street Journal berichtete vor einigen Jahren daß viele Unternehmungen, die Franchise Darlehn vergeben, von den Antragstellern für diese Bürgschaften einen Personaltest verlangen, um damit diejenigen AUSZUSCHLIEßEN, die Kreativität und Eigeninitiative erkennen lassen. Denn solche Personen verfügen über nicht ausreichende Anpassungsfähigkeit, um sich dem Franchise System unterzuordnen. Damit sind viele kleine Unternehmen, gerade der auf Selbständigkeit angewiesene Personenkreis, ausgeschlossen worden.
66.
Heutzutage leben die Menschen eher von den Vorteilen, die das System ihnen zukommen läßt, als daß sie selbst etwas eigenes unternehmen. Und wenn sie etwas aus eigenem Antrieb tun, dann vor allem in der vom System vorgesehenen Weise. Dabei werden meistens die Möglichkeiten benutzt, die das System bereitstellt. Sie können nur in Übereinstimmung mit den Gesetzen und Vorschriften [13] genutzt werden, nach denen die von Fachleuten ausgearbeiteten Anweisungen befolgt werden müssen, damit sie Aussicht auf Erfolg haben.
67.
Somit ist in unserer Gesellschaft keine Selbstverwirklichung (Power Process) möglich, denn es gibt keine wirklichen Ziele und keine Selbstbestimmung, um diese Ziele durchzusetzen. Sie ist auch wegen der Zugehörigkeit dieser menschlichen Triebkräfte zu Gruppe Drei unmöglich, diejenigen Triebkräfte also, die man nicht hinreichend befriedigen kann, ganz gleich welche Anstrengungen dafür unternommen werden. Eine dieser Triebkräfte ist das Bedürfnis nach Sicherheit. Unser Leben hängt von den Entscheidung anderer Menschen ab. Wir haben keine Kontrolle über diese Entscheidungen und gewöhnlich kennen wir die Menschen nicht, die sie vornehmen. ("Wir leben in einer Welt, in der die wichtigen Entscheidung von nur wenigen Menschen, vielleicht 500 oder 1000, getroffen werden" Philip B. Heymann, Havard Law School, zitiert von Anthony Lewis, New York Times 21.April 1995). Unser Leben hängen einzig davon ab, ob der Sicherheitsstandard eines Kernkraftwerkes gewährleistet ist, wieviel Pestizide in unsere Nahrungskette gelangen, oder wie hoch die Luftverschmutzung ist. Auch von den Fähigkeiten (oder Unfähigkeit) unseres Arztes. Ob wir eine Arbeitsstelle finden oder eine verlieren, hängt von den Wirtschaftsexperten der Regierung ab oder von der Exekutive usw. Die meisten Menschen sind nur sehr begrenzt in der Lage, sich gegen diese Bedrohungen abzusichern. Das individuelle Streben nach Sicherheit erfährt dadurch Frustration, was ein Gefühl der Machtlosigkeit zur Folge hat.
68.
Man könnte einwenden, daß der primitive Mensch äußerlich in größerer Unsicherheit lebte als der moderne Mensch, was auch durch seine kürzere Lebenserwartung bewiesen wird. Somit leidet der moderne Mensch eher unter geringerer, jedenfalls nicht größerer Unsicherheit als das für Menschen ursprünglich normale Maß. Jedoch besteht ein Unterschied zwischen psychischer und physischer Sicherheit. Was wir als sicher EMPFINDEN, ist nicht so sehr objektive Sicherheit als ein Gefühl des Vertrauens in unsere Fähigkeit, für uns selbst verantwortlich zu sein. Der primitive Mensch kann sich verteidigen, wenn ihn ein wildes Tier bedroht und anderswo Nahrung finden, wenn er dem Hunger ausgesetzt ist. Es gibt für ihn zwar keine Gewißheit, daß er dabei erfolgreich sein wird, jedoch ist er den Bedrohungen keineswegs hilflos ausgeliefert. Dagegen ist der moderne Mensch vielen Bedrohungen hilflos ausgeliefert: nukleare Unfälle, krebserregende Stoffe in der Nahrung, Umweltverschmutzung, Krieg, Steuererhöhungen, Vereinnahmen seines Privatlebens durch große Organisationen, nationale, gesellschaftliche und wirtschaftliche Ereignisse, die sein Leben zerstören können.
69.
Es stimmt, daß auch der primitive Mensch machtlos gegen einige Bedrohungen ist, zum Beispiel bei Krankheiten. Diesem Risiko kann er aber gelassen entgegen sehen, denn es gehört zu den natürlichen Dingen, es ist niemandes Schuld, außer die von eingebildeten, unpersönlichen Dämonen vielleicht. Dagegen sind die Bedrohungen des modernen Menschen weitgehend durch den MENSCHEN entstanden. Sie sind nicht das Ergebnis von Zufällen, sondern werden ihm von anderen Personen, deren Entscheidungen er nicht beeinflussen kann, AUFERLEGT. Infolgedessen entstehen bei ihm Gefühle von Frustration, Demütigung und Wut .
70.
Somit bestimmt der primitive Menschen größtenteils über seine Sicherheit ( als Individuum und als Mitglied einer KLEINEN Gruppe), während die Sicherheit des modernen Menschen in den Händen von Menschen oder Organisationen liegt, die entweder nicht erkennbar oder zu umfassend sind, als daß er darauf Einfluß nehmen könnte. Damit wird das Bedürfnis des modernen Menschen nach Sicherheit in die Gruppen 1 und 3 eingeordnet. In einigen Bereichen wie Nahrung, Unterkunft usw. kann er seine Sicherheit mit geringen Anstrengungen erlangen. In anderen Bereichen ist es für ihn UNMÖGLICH Sicherheit zu erlangen. (Im Vorhergehenden wird die reale Situation stark vereinfacht dargestellt, verdeutlicht aber im allgemeinen den Unterschied der Lebensbedingungen des modernen zum primitiven Menschen).
71.
Die zahlreichen vorübergehenden Bedürfnisse oder Impulse des modernen Menschen, die nicht befriedigt werden können, werden somit der Gruppe Drei zugeordnet. Ist jemand wütend, wird er dadurch eingeschränkt, daß die moderne Gesellschaft körperliche Auseinandersetzung nicht zuläßt , in vielen Situationen ist nicht einmal verbale Aggression erlaubt. Wenn man zum Beispiel eilig irgendwohin will, oder aber man möchte langsam fahren, bleibt einem nichts weiter übrig als sich dem fließenden Verkehr anzupassen und die Verkehrszeichen zu beachten. Seine Arbeit kann man nur nach den allgemeinen Regeln des Arbeitgebers verrichten, auch wenn man eine andere Arbeitsweise vorziehen würde. Auf vielfältige Weise ist der moderne Mensch durch ein Netzwerk von direkten oder indirekten Vorschriften und Regeln gebunden, seine Triebe werden unterdrückt und damit der Prozeß der Selbstverwirklichung verhindert. Die meisten Vorschriften sind unverzichtbar, weil die industrielle Gesellschaft nur mit ihrer Hilfe funktioniert.
72.
In gewisser Hinsicht ist die moderne Gesellschaft sehr freizügig. Im allgemeinen können wir tun was wir wollen, sofern der reibungslose Ablauf des Systems nicht berührt wird. Wir können jeder beliebigen Religion angehören (wenn diese nicht ein Verhalten fördert, das eine Gefahr für das System darstellt.) Wir können unbegrenzt sexuelle Partner haben, solange wir "safer sex" praktizieren. Wir können alles tun, was wir wollen, solange es UNWICHTIG ist. In allen WICHTIGEN Bereichen wird das System jedoch in zunehmendem Maße unser Verhalten bestimmen.
73.
Verhalten wird nicht nur durch Vorschriften und nicht nur von der Regierung bestimmt. Oft wird Kontrolle durch indirekten Zwang oder durch psychologischen Druck oder Manipulation ausgeübt, sei es durch unabhängige Organisationen oder durch das System selbst. Die meisten großen Organisationen benutzen Formen der Propaganda [14], um damit allgemeine Einstellungen und Verhaltensweisen zu manipulieren. Propaganda beschränkt sich nicht allein auf Werbung und Reklame und mitunter wird nicht einmal bewußte Propaganda beabsichtigt. Zum Beispiel sind Unterhaltungsprogramme eine starke Propaganda. Ein Beispiel von indirektem Zwang: Es gibt kein Gesetz, daß uns zwingt, jeden Tag einer Arbeit nachzugehen und den Anordnungen unserer Vorgesetzten zu folgen. Vom Gesetz her kann uns niemand hindern, wie primitive Menschen in der Wildnis zu leben oder uns selbständig zu machen. In der Realität ist aber kaum noch Wildnis vorhanden, und in der Wirtschaft können sich nur eine bestimmte Anzahl von Selbständigen etablieren. Somit können die meisten von uns nur als Angestellte überleben.
74.
Nach unserer Ansicht ist das zwanghafte Streben des modernen Mensch nach Langlebigkeit bei andauernder physischer Vitalität und sexueller Attraktivität bis ins hohe Alter ein Symptom für die Unerfülltheit seines Lebens und wird durch den Verlust der Selbstverwirklichung bedingt. Dazu gehört auch die sogenannte "Midlife"-Krise und die in der modernen Gesellschaft weit verbreitete Kinderlosigkeit, die in primitiven Gesellschaften gänzlich unbekannt ist.
75.
In primitiven Gesellschaften bedeutet Leben die Aufeinanderfolge von Lebensabschnitten. Wenn die Bedürfnisse und der Zweck eines Lebensabschnitts erreicht ist, besteht keine Abneigung gegen den Übergang zum nächsten. Die Selbstverwirklichungsprozeß eines jungen Mannes besteht darin, daß er Jäger ist, nicht als Sport oder Bedürfnis, sondern um das für seine Nahrung notwendige Fleisch zu bekommen. (für junge Frauen verläuft der Lebensprozeß komplexer und soll hier nicht weiter berücksichtigt werden). Wenn der junge Mann diese Lebensphase hinter sich hat, wird er ohne Widerstreben die Verantwortung für die Gründung einer Familie übernehmen. (im Gegensatz dazu schieben viele moderne Menschen auf unabsehbare Zeit hinaus, Kinder zu haben, weil sie zu sehr beschäftigt sind, eine Art von "Erfüllung" zu suchen. Unserer Meinung nach sollte die eigentliche Erfüllung in der Erfahrung der Selbstverwirklichung/power process bestehen, wobei anstelle von künstlichen Zielen durch Ersatzhandlungen wirklichen Ziele stehen sollten.) Nachdem der primitive Mensch seine Kinder aufgezogen und ihnen im Prozeß der Selbstverwirklichung die notwendigen physischen Fähigkeiten beigebracht hat, hat er seine Aufgabe erfüllt und ist bereit Alter und Tod zu akzeptieren, (falls er solange überlebt). Dagegen verstört viele moderne Menschen die Aussicht eines physischen Auflösungsprozesses an dessen Ende der Tod steht. Dies wird in den fortwährenden Anstrengungen deutlich, die sie für die Erhaltung ihrer körperlichen Kondition, des Aussehens und der Gesundheit unternehmen. Unserer Meinung nach ist diese Unzufriedenheit darauf zurückzuführen, daß sie ihre körperlichen Kräfte niemals genutzt und somit niemals ernsthaft die physische Selbstverwirklichung erlebt haben. Nicht der primitive Mensch, der täglich seine physische Kraft für das Erlangen praktischer Ziele einsetzt, fürchtet sich vor dem Alternsprozeß, sondern der moderne Mensch, der seine physischen Kräfte nie eingesetzt hat, außer daß er den Weg von seinem Auto ins Haus zurücklegt. Der Mensch, dessen Körper den Prozeß der Selbstverwirklichung im Laufe seines Lebens erfahren hat, ist am besten darauf vorbereitet, das Lebensende zu akzeptieren.
76.
Es könnte sein, daß jemand auf die in diesem Abschnitt vorkommenden Argumente antwortet: "Die Gesellschaft muß einen Weg finden, den Menschen Gelegenheit zur Selbstverwirklichung zu geben." Der Wert einer Gelegenheit wird aber gerade dadurch zerstört, daß die Gesellschaft sie ihnen gibt. Vielmehr besteht die Notwendigkeit darin, daß sie selbst ihre eigenen Gelegenheiten finden oder schaffen. Solange das System ihnen Gelegenheit GIBT, sind sie an der Leine angekoppelt. Um Selbstbestimmung zu erreichen, müssen sie sich von dieser Leine losmachen.
[9] (§ 61) Wir haben hier die "Unterschicht" unberücksichtigt gelassen und sprechen nur von der durchschnittlichen Allgemeinheit.
[10] (§ 62) Einige Soziologen, Erzieher, Mitarbeiter im psychosozialen Bereich versuchen die sozialen Bedürfnisse in Gruppe 1 einzuordnen, da ihrer Meinung nach jeder ein sozial zufriedenstellendes Leben haben sollte. [11] (§ 63, 82) Ist das Bedürfnis nach unbegrenztem materiellen Erwerb wirklich ein künstliches Erzeugnis der Reklame und Werbeindustrie? Mit Sicherheit existiert keine angeborene Veranlagung im Menschen für materiellen Erwerb. Es gab viele Kulturen, deren Völker nur wenig materielle Güter über das absolut Lebensnotwendige hinaus anstrebten. (Australische Ureinwohner, traditionelle mexikanische Bauernkulturen, einige afrikanische Kulturen). Andererseits gab es viele vorindustrielle Kulturen, in denen Reichtum eine wichtige Rolle spielte. Wir können deshalb nicht behaupten, daß die heutige Besitz-orientierte Kultur eine ausschließliche Schöpfung der Reklame- und Propaganda-Industrie wäre. Dennoch ist offensichtlich, daß die Reklame- und Werbeindustrie einen bedeutenden Anteil an der Schaffung dieser Kultur hat. Die Großfirmen, die Millionen für Reklame ausgeben, würden dies kaum tun, wenn es nicht erwiesen wäre, daß ihnen dadurch mehrfacher Gewinn sicher ist. Ein Mitglied von FC hat vor einigen Jahren einen Verkaufsmanager getroffen, der ihm offen und ehrlich erklärte: "Unser Job ist es, den Leuten Sachen aufzuschwatzen, die sie weder wünschen noch brauchen." Dann beschrieb er, wie ein ungeübter Verkäufer jemandem ein Produkt anbietet und es zu keinem Verkauf kommt, während ein erfahrener und professioneller Verkäufer bei demselben Mann eine Menge Waren los werden kann. Daraus wird deutlich, daß Menschen beim Kauf von Sachen, die sie eigentlich nicht wollen, manipuliert werden.
[12] (§ 64) Das Problem der Ziellosigkeit hat in den letzten 15 Jahren an Bedeutung verloren, weil sich die Menschen inzwischen physisch und wirtschaftlich weniger sicher fühlen als früher und das Bedürfnis nach Sicherheit ihnen ein Ziel bietet. Die frühere Ziellosigkeit wurde inzwischen durch Frustration über die Schwierigkeit ersetzt, Sicherheit zu erlangen. Wir betonen das Problem der Ziellosigkeit, weil die Liberalen und Linken unsere sozialen Probleme gerne lösen würden, indem die Gesellschaft jedermann Sicherheit garantieren sollte. Wenn dies geschehen könnte, würde es das Problem der Ziellosigkeit erneut zurückbringen. Es geht aber nicht darum, daß die Gesellschaft jedem mehr oder weniger Sicherheit garantieren kann. Vielmehr ist es problematisch, daß die Sicherheit eines jeden mehr vom System als von ihm selbst abhängt. Deshalb setzen sich übrigens viele für das Recht ein, Waffen tragen zu können. Der Besitz eines Gewehrs vermittelt ihnen das Gefühl, das ihre Sicherheit von ihnen selbst abhängt.
[13] (§ 66) Die Bemühungen der Konservativen, die Zahl der offiziellen Vorschriften zu beschränken, haben kaum Auswirkungen auf Durchschnittsbürger. Zum einen, kann nur ein Teil der Bestimmungen aufgehoben werden, da die meisten Vorschriften unverzichtbar sind. Zum anderen sind von der Aufhebung solcher Bestimmungen meistens Geschäftsvorgänge, weniger Einzelpersonen betroffen. Daher profitieren vor allem private Firmen davon, daß die Regierung weniger Macht hat. Das bedeutet für den Durchschnittsbürger, daß die Einmischung der Regierung in sein Privatleben nun den großen Firmen überlassen ist, denen zum Beispiel erlaubt wird, mehr Chemikalien in sein Trinkwasser abzuleiten und damit sein Krebsrisiko zu erhöhen. Die Konservativen nutzen die Verärgerung des einzelnen Bürgers über die Regierung aus, um damit die Macht der großen Konzerne zu stärken.
[14] (§ 73) Wenn sich jemand den Zweck einer bestimmten Propaganda gutheißt, dann beruft er sich häufig auf "Erziehung" oder ähnliche Beschönigungen. Propaganda bleibt aber Propaganda, unabhängig vom Zweck, für den sie eingesetzt wird.
PROBLEME DER ANPASSUNG
77.
In der industriell-technologischen Gesellschaft leidet nicht jeder unter psychologischen Problemen. Manche bekennen geradezu, daß sie die Gesellschaft, so wie sie ist, akzeptieren. Wir wollen nun über die verschiedenen Gründe sprechen, weshalb die Antwort vieler Menschen auf die moderne Gesellschaft so unterschiedlich ausfällt.
78.
Erstens gibt es zweifellos Unterschiede in der Stärke des Bedürfnisses nach Macht. Einige Menschen haben ein relativ geringes Bedürfnis nach Selbstverwirklichung, oder dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung. Es sind fügsame Menschen, die ihr Los auch als schwarze Plantagenarbeiter der alten Südstaaten akzeptiert hätten (damit wollen wir keineswegs die schwarzen Plantagenarbeiter der Südstaaten verächtlich machen. Die meisten dieser Sklaven waren NICHT mit ihrer Knechtschaft zufrieden. Wir verachten diejenigen, die damit zufrieden waren.)
79.
Manche Menschen haben ein außergewöhnliches Bedürfnis, ihre Selbstverwirklichung zu erlangen. Zum Beispiel diejenigen, die einen hohen sozialen Status zu erreichen und ihr ganzes Leben damit verbringen, unermüdlich die Erfolgsleiter zu erklimmen.
80.
Die Empfänglichkeit für Werbung und Marketingreklame ist bei den Menschen unterschiedlich. Manche sind so empfänglich dafür, daß sie ihr ganzes Geld für die Glitzerware ausgeben, die die Werbung der Vermarktungsstrategen vor ihnen ausbreitet. Selbst wenn sie ein hohes Einkommen haben, geraten sie schnell in finanzielle Schwierigkeiten und können sich ihre Ansprüche nicht alle erfüllen.
81.
Andere sind der Werbung und Vermarktungsstrategie weniger ausgeliefert. Es sind diejenigen Menschen, die ein geringes Interesse an Geld haben. Für ihre Selbstverwirklichung benötigen sie keine materiellen Anreize.
82.
Andere Menschen haben eine durchschnittliche Aufnahmefähigkeit für die Einflußnahme der Werbung. Sie verdienen genug Geld, um ihre Bedürfnisse nach materiellen Gütern und Dienstleistungen zu befriedigen, jedoch müssen sie dafür hart arbeiten, Überstunden machen, eine zweite Arbeitsstelle annehmen, befördert werden. Mit Hilfe der materiellen Anschaffungen erfahren sie ihre Selbstverwirklichung. Daraus kann man nicht schließen, daß alle ihre Bedürfnisse damit erfüllt werden. Sie können eine unvollkommene Autonomie in ihrer Selbstverwirklichung/power process erreichen (ihre Arbeit besteht wahrscheinlich in der Befolgung von Anordnungen) und manche ihrer Bedürfnisse bleiben unerfüllt (z.B. Sicherheit, Aggression). (In § 80-82 machen wir uns der Vereinfachung schuldig, indem wir vorgeben, daß materielle Wünsche allein durch Werbung und Vermarktung entstehen. So einfach ist das natürlich nicht.) (vgl. F.N. § 63)
83.
Manche Menschen befriedigen ihr Bedürfnis nach Selbstverwirklichung, indem sie sich mit einer mächtigen Organisation oder einer Massenbewegung identifizieren. Eine Person, die weder Macht noch eigene Ziele hat, schließt sich einer Bewegung oder einer Organisation an, übernimmt deren Zielsetzungen als ihre eigenen, und setzt sich für diese ein. Werden einige dieser Ziele erreicht, dann empfindet der einzelne allein durch die Identifikation mit der Bewegung oder der Organisation seine Selbstverwirklichung, auch dann, wenn seine persönlichen Anstrengungen nur eine unwesentliche Rolle beim Erreichen der Ziele gespielt haben. Dieses Phänomen wurde von Faschisten, Nazis und Kommunisten ausgenutzt. Auch unsere Gesellschaft benutzt es, wenn auch weniger brutal. Beispiel: Manuel Noriega war für die U.S.A. ein Ärgernis. (Ziel: Bestrafung Noriegas). Die U.S.A. marschierte in Panama ein und bestrafte Noriega (Erreichung des Ziels). Die U.S.A. erlebte damit den Power Process und mit ihr stellvertretend viele Amerikaner, die sich mit den U.S.A. identifizieren. Dies erklärt die weitverbreitete öffentliche Zustimmung der Panama-Invasion, sie hat den Amerikanern ein Machtgefühl vermittelt.[15] Dasselbe kann man in Armeen, Körperschaften, politischen Parteien, Menschenrechtsorganisationen, religiösen und ideologischen Bewegungen beobachten. Besonders linke Bewegungen üben auf Menschen eine Anziehung aus, die ihr Bedürfnis nach Macht befriedigen wollen. Dennoch bedeutet für die meisten Menschen die Identifikation mit großen Organisationen oder Massenbewegungen nicht die volle Befriedigung ihres Machtbedürfnisses.
84.
Ein anderer Weg zur Befriedigung der Selbstverwirklichung können Ersatzhandlungen sein. Wie wir in § 38-40 erklärt haben, ist eine Ersatzhandlung auf ein künstliches Ziel ausgerichtet, das jemand verfolgt, um sich dadurch "Erfüllung" zu verschaffen. Dabei geht es nicht um das Ziel selbst. Zum Beispiel gibt es keinen Grund, seine Muskeln zu trainieren, einen kleinen Ball in ein Loch zu zielen oder einen kompletten Satz Briefmarken zu erwerben. Dennoch widmen sich viele Menschen in unserer Gesellschaft dem Bodybuilding, Golfspielen oder Briefmarken sammeln. Manche Menschen widmen sich anderen Dingen, die angeblich wichtiger scheinen und von der Gesellschaft ernst genommen werden. So gibt es Menschen, die sich mit trivialen Dingen wie Sport, Bridge oder Schach beschäftigen, während andere darin nichts weiter als Ersatzhandlungen sehen, sie folgerichtig nicht ernst nehmen und von ihnen auch keine Selbstverwirklichung erwarten. Hinzuzufügen ist noch, daß häufig die dem Lebensunterhalt dienende Berufstätigkeit selbst eine Art Ersatzhandlung ist. Da diese Beschäftigung teilweise wirklich dazu dient, den physisch notwendigen Lebensunterhalt zu erwerben, kann man sie nicht als REINE Ersatzhandlungen ansehen. Andererseits ist sie Mittel zum Zweck einen bestimmten sozialen Status zu erreichen und die Luxusgüter zu erwerben, deren Notwendigkeit ihnen durch die Werbung suggeriert wird. Viele Menschen unternehmen weit mehr Anstrengungen in ihrem Beruf als zum Erwerb des eigenen Unterhalts und zum Erlangen eines angemessenen sozialen Status nötig wäre. Diese darüber hinaus gehenden Bemühungen stellen ebenfalls Ersatzhandlungen dar. Es sind gerade diese über das Notwendige hinausgehende Bemühungen, die auch von emotionalen Gefühlen begleitet werden und als mächtige Kraft dazu beitragen, daß das System sich auf Kosten der individuellen Freiheit weiter entwickeln und perfektionieren kann. (vgl. § 131). Insbesondere kreative Wissenschaftler und Ingenieure neigen zu dieser Art von Ersatzhandlungen. Dieser Punkt ist so wichtig, daß darüber in einem gesonderten Teil im folgenden Abschnitt (§ 87-92) gesprochen werden soll.
85.
In diesem Abschnitt haben wir dargelegt, wie viele Menschen in der modernen Gesellschaft ihr Bedürfnis nach Selbstverwirklichung auf diese oder jene Weise zu befriedigen suchen. Dennoch glauben wir, daß die Mehrheit ihr Bedürfnis nach Selbstverwirklichung nicht völlig befriedigen kann. Erstens handelt es sich hier um Menschen, deren Statusbedürfnis unersättlich ist, die Ersatzhandlungen ausüben, die sich mit einer Bewegung oder einer Organisation identifizieren, um auf diese Weise ihr Bedürfnis nach Selbstverwirklichung zu erlangen. Andere sind weder durch Ersatzhandlungen noch durch Identifikation mit einer Organisation befriedigt (vgl. § 41, 64). Zweitens wird vom System zuviel Kontrolle durch äußere Vorschriften oder durch Anpassung ausgeübt, woraus eine Einschränkung der Selbstbestimmung (Autonomy) und Enttäuschung über die Unmöglichkeit, gewisse Ziele erreichen zu können resultiert, was zur Folge hat, daß viele Impulse unterdrückt werden.
86.
Doch selbst wenn die meisten Menschen durch die industrielle-technologische Gesellschaft zufrieden gestellt wären, würden wir (FC) uns dennoch gegen diese Gesellschaftsform auflehnen, weil wir es erniedrigend finden, daß hier das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung durch Ersatzhandlungen oder durch Identifikation mit Organisationen anstelle durch das Streben nach realen Zielen erfüllt wird.
[15] (§ 83) Wir wollen zur Panama-Invasion weder unsere Zustimmung noch Ablehnung zum Ausdruck bringen und haben das Beispiel nur zur Verdeutlichung eines Aspektes benutzt.
ANTRIEBSKRÄFTE DER WISSENSCHAFTLER
87.
Die wichtigsten Beispiele für Ersatzhandlungen werden durch Wissenschaft und Technologie gegeben. Es gibt Wissenschaftler, die behaupten, daß ihre Motivation in "Neugier" oder "Nutzen für die Menschheit" besteht. Es ist aber leicht zu durchschauen, daß weder das eine noch das andere als Hauptmotiv für die meisten Wissenschaftler in Frage kommt. Was "Neugier" betrifft, so ist diese Vorstellung einfach absurd. Die meisten Wissenschaftler erforschen hochspezialisierten Probleme, die normaler Neugier nicht zugänglich sind. Kann man etwa behaupten, daß ein Astronom, ein Mathematiker oder ein Insektenkundler Neugier für die Eigenschaften von Isopropyltrimethylmethane empfindet? Selbstverständlich nicht. Höchstens ein Chemiker empfindet dafür Neugier, und nur deshalb, weil Chemie seine Ersatzhandlung (Surrogate Activity) darstellt. Ist aber der Chemiker neugierig auf die geeignete Klassifikation einer neuen Käferart? Nein. Denn diese Frage interessiert nur den Insektenkundler, weil Insektenkunde dessen Ersatzhandlung ist. Wenn der Chemiker und der Insektenkundler sich ernsthaft um den Erwerb für ihre existentiellen Bedürfnisse bemühen müßten und diese Anstrengung ihre Fähigkeiten auf eine völlig andere Art als die der Wissenschaft beanspruchen würde, dann würden sie sich nicht um Isopropyltrimethylmethan oder Klassifikation von Käfern scheren. Angenommen, daß die Ausbildung des Chemikers wegen fehlender Stipendien nicht zustande gekommen und er stattdessen Versicherungsagent geworden wäre - in dem Fall wäre sein Interesse einzig Versicherungsangelegenheiten und Isopropyltrimethylmethane wären ihm völlig gleichgültig. Man kann nicht davon ausgehen , daß der Wissenschaftler aus Neugier diesen Aufwand an Zeit und Mühe in sein Werk investieren würde. Mit Neugier ist das Motiv der Wissenschaftler nicht zu erklären.
88.
Es steht auch nicht besser mit der Erklärung "Nutzen für die Menschheit". Eine Reihe von Wissenschaften haben überhaupt keine erkennbare Beziehung zum "Nutzen der Menschheit", zum Beispiel Archäologie oder vergleichende Sprachwissenschaften. Andere Wissenschaftsgebiete widmen sich offensichtlich gefährlichen Möglichkeiten. Dennoch sind die Wissenschaftler dieser Forschungsgebiete genauso begeistert von ihrer Arbeit wie diejenigen, die Impfstoffe entwickeln oder die Luftverschmutzung untersuchen. Der Fall des Dr. Edward Teller zeigt , daß er sich intensiv für Kernkraftwerke einsetzte. Kann man behaupten, daß dieser Einsatz aus dem Wunsch herrührte der Menschlichkeit zu dienen? Wenn das so wäre, warum hat sich Dr. Teller nicht für andere "humanitäre" Aufgaben eingesetzt? Wenn er so ein Menschenfreund war, warum hat er sich dann an der Entwicklung der Atombombe beteiligt? Wie bei vielen anderen wissenschaftlichen Errungenschaften ist es äußerst fragwürdig, inwieweit Kernkraftwerke tatsächlich zum Nutzen der Menschheit sind. Wiegt die billige Elektrizität den sich ansammelnden [nuklearen] Abfall und das Risiko von [Atom-] Unfällen auf? Dr. Teller hat nur die eine Seite dieser Frage betrachtet. Es ist völlig klar, daß sein Eintreten für die Atomkraft nicht dem Wunsch dieses "Nutzens für die Menschheit" entsprang, sondern einer persönlichen Befriedigung durch seine Arbeit und dem Wunsch, diese in die Praxis umzusetzen.
89.
Dies trifft auf alle Wissenschaftler zu. Mit ganz wenigen Ausnahmen sind ihre Motive weder Neugier noch der Wunsch der Menschheit zu nützen, sondern das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung: ein Ziel zu haben ( ein wissenschaftliches Problem zu lösen), eine Anstrengung zu unternehmen (Forschung) und das Ziel zu erreichen (Lösung des Problems.) Wissenschaft ist eine Ersatzhandlung, weil die Arbeit der Wissenschaftler hauptsächlich in der Befriedigung besteht, die sie aus ihrer eigenen Arbeit erlangen.
90.
Natürlich ist das nicht so einfach. Bei vielen Wissenschaftlern spielen noch andere Motive eine Rolle. Geld und Status zum Beispiel. Manche Wissenschaftler gehören zum Typus, der ein unersättliches Verlangen nach gesellschaftlicher Anerkennung hat (vgl. § 79) und ihre Arbeitsmotivation entsteht größtenteils dadurch. Die Mehrheit der Wissenschaftler, wie die Mehrheit der Gesamtbevölkerung, lassen sich von Marketing und Reklame beeinflussen und brauchen Geld, um ihre Konsumwünsche zu befriedigen. Somit ist Wissenschaft zwar keine REINE Ersatzhandlung. Der größte Teil muß aber als Ersatzhandlung angesehen werden.
91.
Wissenschaft und Technologie haben sich zu einer mächtigen Massenbewegung entwickelt und viele Wissenschaftler erfüllen ihr Machtbedürfnis, indem sie sich mit dieser Massenbewegung identifizieren (vgl. § 83).
92.
Der Vormarsch der Wissenschaft geschieht blindlings, ohne daß der Nutzen der Menschheit dabei in Betracht gezogen wird, er ist einzig orientiert an den psychologischen Bedürfnissen der Wissenschaftler, der Regierungsbeamten und ausübenden Körperschaften, die die Forschungsmittel dafür bereitstellen.
DAS WESEN DER FREIHEIT
93.
Wir behaupten, daß die industrielle-technologische Gesellschaft nicht reformierbar ist, um dadurch die fortschreitende Verringerung des Bereiches menschlicher Freiheit aufzuhalten. Zunächst müssen wir aber den hier in Frage stehenden Begriff "Freiheit" definieren, der vielfältig interpretiert werden kann.
94.
Wir verstehen unter "Freiheit" die Möglichkeit einer Selbstverwirklichung (Power Process) durch echte Ziele anstelle von künstlichen Ersatzhandlungen, frei von Einmischung, Manipulation oder Kontrolle durch irgend jemanden, besonders durch große Organisationen. Freiheit bedeutet(für das Individuum oder Mitglied einer kleinen Gemeinschaft) die Kontrolle über die eigenen existentiellen Dinge zu haben, die Leben und Tod bestimmen; Nahrung, Kleidung, Unterkunft und Verteidigung gegen Gefahren der Umwelt. Freiheit bedeutet Macht zu haben, aber keine Macht, um andere Menschen zu kontrollieren, sondern Macht über die Kontrolle der eigenen Lebensumstände. Man hat keine Freiheit, wenn irgend jemand (insbesondere eine große Organisation) über einen Macht ausübt, ganz gleich ob diese sich wohltätig, duldend oder freizügig verhält. Man sollte Freiheit keinesfalls mit Freizügigkeit verwechseln (s.§ 72).
95.
Man behauptet, daß wir in einer freien Gesellschaft leben, weil uns durch das Grundgesetz eine Reihe von Rechten garantiert wird. Diese sind aber nicht so wichtig wie sie scheinen mögen. Der Grad der persönlichen Freiheit, der in einer Gesellschaft vorhanden ist, wird eher durch die wirtschaftliche und technologische Struktur dieser Gesellschaft festgelegt als durch ihre Gesetze und die Art ihrer Regierung.[16] Die meisten Indianer-Nationen in Neuengland waren Monarchien und viele Städte der italienischen Renaissance wurden von Diktatoren beherrscht. Jedoch bekommt man beim Lesen über diese Gesellschaften den Eindruck vermittelt, daß sie mehr Freiheit zuließen als unsere Gesellschaft. Teilweise geht das darauf zurück, daß sie technisch nicht in der Lage waren, den Willen der Herrscher durchzusetzen, sie hatten keinen modern organisierten Polizeiapparat, die Kommunikation war nicht schnell und weitreichend, keine versteckten Kameras, keine Informationsberichte über das Leben der Durchschnittsbürger. Somit war es relativ leicht, einer Kontrolle auszuweichen.
96.
Unsere Verfassung garantiert beispielsweise die Pressefreiheit. Wir denken natürlich nicht daran, dieses Recht aufzuheben, es ist ein sehr wichtiges Mittel, um die Konzentration der politischen Macht einzugrenzen und diejenigen, die politische Macht besitzen, durch Veröffentlichung von Verstößen zu kritisieren. Jedoch kann der Durchschnittsbürger als Person von der Pressefreiheit nur wenig Gebrauch machen. Die Massenmedien stehen größtenteils unter Kontrolle großer Organisationen, die selbst Teil des Systems sind. Jeder kann für Geld etwas drucken lassen oder im Internet publizieren, was er zu sagen hat, wird aber kaum eine Wirkung erzielen, denn es wird in der Masse der Medieninformationen untergehen. Deshalb ist es für die meisten Einzelpersonen oder kleinen Gruppen unmöglich, mit verbalen Mitteln etwas zu bewirken. Nehmen wir uns (FC) selbst zum Beispiel. Wenn wir nicht gewalttätig gehandelt hätten und die vorliegende Schrift einem Verleger vorgelegt hätten, wäre sie nicht angenommen worden. Wenn man sie aber akzeptiert und veröffentlicht hätte, hätte sie kaum Leser interessiert, denn es ist vergnüglicher, die Unterhaltungssendungen der Medien anzusehen als eine nüchterne Abhandlung zu lesen. Aber selbst wenn diese Schrift viele Leser gefunden hätte, würden die meisten das Gelesene bald vergessen haben, weil ihr Gedächtnis durch die Informationsflut der Massenmedien überladen ist. Damit wir überhaupt eine Chance hatten, unsere Botschaft mit nachhaltigem Eindruck zu veröffentlichen, mußten wir Menschen töten.
97.
Verfassungsrechte sind in einem gewissen Grad nützlich, aber sie garantieren nicht viel mehr als das, was man als bürgerliche Auffassung von Freiheit bezeichnen kann. Gemäß der bürgerlichen Auffassung ist ein "freier" Mensch im wesentlichen Teil einer gesellschaftlichen Maschinerie und hat nur innerhalb eines bestimmten Bereiches vorgeschriebene und begrenzte Freiheiten, Freiheiten nämlich, die vor allem der gesellschaftlichen Maschinerie dienen, mehr als dem einzelnen. So hat der bürgerliche "freie" Mensch wirtschaftliche Freiheit, weil sie dem Fortschritt und Wachstum dient; er hat Pressefreiheit weil öffentliche Kritik das Fehlverhalten politischer Führer begrenzt; er hat das Recht auf einen fairen Prozeß, weil das willkürliche Einsperren durch Machtbefugte schlecht für das System wäre. Dies entspricht der Haltung von Simon Bolivar. Nach ihm verdienten nur die Menschen Freiheit, die dem Fortschritt dienten (Fortschritt nach bürgerlicher Auffassung). Andere bürgerliche Denker hatten eine Auffassung von Freiheit, die ausschließlich dem Kollektiv dient. "Chester C. Tan, Chinesisches Politisches Denken im Zwanzigsten Jahrhundert", Seite 202, erklärt die Philosophie des Kuomintang Führers Hu Han-man: "Einem einzelnen werden Rechte zugestanden, weil er ein Mitglied der Gesellschaft ist und sein Leben in der Gemeinschaft diese Rechte notwendig macht. Mit Gemeinschaft meint Hu Han-min die gesamte Volksgemeinschaft." Auf Seite 259 führt Tan aus, daß gemäß Carsum Chang (Chang Chun-mai, Führer der Sozialistischen Staatspartei Chinas) Freiheit im Interesse des Staates und des Volkes als Gesamtheit angewendet werden muß. Aber was für eine Freiheit hat man denn, wenn man sie nur in der beschriebene Weise nutzen kann? Die Auffassung von Freiheit, die FC hat, stimmt nicht überein mit der von Bolivar, Hu, Chang oder anderen bürgerlichen Theoretikern. Die Schwierigkeit mit solchen Theoretikern besteht darin, daß sie sich mit der Entwicklung und Bedeutung von sozialen Theorien als Ersatzhandlung befassen. Infolgedessen sind diese Theorien dazu bestimmt ,eher den Bedürfnissen der Theoretiker zu dienen als den Bedürfnissen von Menschen, die vielleicht unglückseligerweise in einer Gesellschaft leben, für die diese Theorien entworfen worden sind.
98.
Noch ein weiterer Punkt gehört in diesen Abschnitt: Man sollte nicht meinen, daß eine Person genug Freiheit hat, nur weil sie das von sich BEHAUPTET. Die Freiheit wird teilweise durch psychologische Kontrolle eingeschränkt, die den Menschen überhaupt nicht bewußt ist, und darüber hinaus werden selbst die Vorstellungen der Menschen darüber, was Freiheit beinhaltet, vor allem durch gesellschaftliche Konventionen gesteuert und nicht durch ihre wirklichen Bedürfnisse. Zum Beispiel würden wahrscheinlich viele überangepaßte Linke behaupten, daß die meisten Menschen einschließlich sie selbst eher zu wenig als zu viel angepaßt wären, dennoch zahlt der Linke einen hohen psychologischen Preis für seinen hohen Grad an Überangepaßtheit.
[16] (§ 95) Als die amerikanischen Kolonien noch unter britischer Herrschaft standen, gab es weniger gesetzliche Garantien für die Freiheit als nach der Ausrufung der amerikanischen Verfassung. Dennoch existierte im Vergleich zu der Zeit nach der industriellen Revolution im vorindustriellen Amerika mehr persönliche Freiheit, sowohl vor als nach dem Unabhängigkeitskrieg. Wir zitieren hier aus dem Werk "Gewalt in Amerika: eine historische und vergleichende Untersuchung" herausgegeben von Hugh Davis Graham und Ted Robert Gurr, Kapitel 12, S. 476-478, Roger Lane: "Mit der zunehmenden Durchsetzung der öffentlichen Gesetzgebung kam es innerhalb der gesamten amerikanischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zu einer Verbesserung der gesellschaftlichen Umgangsformen. Die Veränderung von gesellschaftlichem Verhalten ist ein Prozeß, der sich über lange Zeiträume erstreckt und man kann wohl vermuten, daß ein Zusammenhang mit den grundlegenden Gesellschaftsprozessen der Epoche der industriellen Verstädterung besteht. 1835 hatte Massachusett eine Bevölkerung von etwa 660.940, davon lebten 81 % in vorwiegend vorindustriellen ländlichen Gebieten und hatten beträchtliche persönliche Freiheiten. Viehzüchter, Farmer, Handwerker waren daran gewöhnt, ihren Tagesablauf selbst zu bestimmen, durch ihre Tätigkeit waren sie voneinander abhängig. Persönliche Schwierigkeiten, Verstöße, selbst Verbrechen verursachten im allgemeinen kein größeres gesellschaftliches Interesse... Erst mit der Entstehung von Städten und Fabriken, die um 1835 allmählich zum Sammelpunkt wurden, kam es zu sichtbaren Veränderungen des persönlichen Verhaltens während des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Fabrik erforderte Regelmäßigkeit, das Leben war einem bestimmten Zeit- und Kalenderrhythmus unterworfen, die Anweisungen des Vorarbeiters und Aufsehers mußten befolgt werden. Das Leben in der Stadt in enger Nachbarschaft erforderte nun viele Dinge, die zuvor nicht in Betracht kamen. Arbeiter und Angestellte in größeren Unternehmen waren jeweils aufeinander angewiesen, da die Arbeit des einen vom anderen abhing und niemand mehr eine nur auf sich bezogene Tätigkeit verrichtete. Die Folgen dieser neuen Form, das Leben zu organisieren, wurden um 1900 sichtbar, als 76% der inzwischen 2.805.346 Einwohner von Massachusett Städter waren. Viele ungesetzliche oder gewalttätige Verstöße, die man in früheren Gesellschaftsformen tolerieren konnte, waren in der von Zusammenarbeit abhängenden Gesellschaft dieser Zeit nicht mehr tragbar. Die Verstädterung hatte in kurzer Zeit eine Generation hervorgebracht, die stärker sozialisiert, und "zivilisiert" war als ihre Vorfahren.
EINIGE GRUNDTATSACHEN DER GESCHICHTE
99.
Man kann sich Geschichte als Summe zweier Komponenten vorstellen: einem unberechenbaren Teil, der aus unvorhersehbaren Ereignissen besteht, die einem nicht erkennbaren Muster folgen und einem erkennbaren Teil, der langfristige historische Abläufe beinhaltet. Im folgenden Abschnitt werden wir uns mit den langfristigen Strömungen befassen.
100.
ERSTES PRINZIP. Wenn eine KLEINE Veränderung eintritt, die auf einen langfristigen historischen Ablauf wirkt, dann wird die Wirkung dieser Veränderung immer nur vorübergehend sein - die Strömung wird bald wieder den ursprünglichen Verlauf einnehmen (Beispiel: eine Reformbewegung, die sich bemüht, politische Korruption in einer Gesellschaft zu bereinigen, hat kaum mehr als eine kurzzeitige Wirkung. Früher oder später werden die Reformer nachlassen und die Korruption wird sich allmählich wieder einschleichen. Der Grad politischer Korruption neigt in einer Gesellschaft dazu, konstant zu bleiben oder sich nur langsam infolge der gesellschaftlichen Weiterentwicklung zu verändern. Eine andauernde politische Säuberung kann es nur bei gleichzeitig weitreichenden Veränderungen geben. Eine KLEINE Veränderung in der Gesellschaft ist nicht ausreichend.) Wenn eine kleine Veränderung innerhalb eines langfristigen historischen Verlaufs andauert, dann nur deshalb, weil die Veränderung sich in der gleichen Richtung bewegt wie die allgemeine Strömung und diese dadurch nicht aufgehalten, sondern vielmehr vorwärtsgetrieben wird.
101.
Das erste Prinzip ist fast eine Tautologie. Wenn eine historische Strömung kleinen Veränderungen nicht standhielte, würde sie eher ziellos werden als einer bestimmten Richtung zu folgen. Mit anderen Worten, es würde sich gar nicht um einen langfristigen Verlauf handeln.
102.
ZWEITES PRINZIP. Wenn eine Veränderung eintritt, die groß genug ist, um einen langfristigen historischen Verlauf permanent zu verändern, dann würde sie die gesamte Gesellschaft verändern. Mit anderen Worten, eine Gesellschaft ist ein System, in welchem alle Teile zueinander in Beziehung stehen, und deshalb kann es nicht zu einer Veränderung eines wichtigen Teils kommen, ohne daß nicht auch alle anderen Teile dieser Veränderung unterworfen sind.
103.
DRITTES PRINZIP. Wenn ein Wechsel eintritt, der groß genug ist, um eine langfristige Strömung permanent zu verändern, können die Folgen für die Gesellschaft als ganzes nicht vorausgesagt werden. (Außer daß bereits verschiedene andere Gesellschaften die gleiche Veränderung erfahren und die gleichen Folgen erlebt haben. In diesem Fall kann man auf empirischer Grundlage voraussagen, daß eine andere Gesellschaft, die die gleiche Veränderung durchmacht auch ähnliche Folgen erleben wird.)
104.
VIERTES PRINZIP. Eine neue Gesellschaft kann nicht auf dem Papier entworfen werden. Das bedeutet, man kann keine neue Gesellschaftsform im Voraus planen, dann errichten und erwarten, daß sie in der geplanten Weise funktioniert.
105.
Das dritte und vierte Prinzip ergibt sich aus der Komplexität menschlicher Gesellschaften. Eine Veränderung der menschlichen Verhaltensweise wird sowohl die Wirtschaft einer Gesellschaft als auch ihre natürliche Umwelt beeinträchtigen. Die Wirtschaft wird sich auf die Umwelt auswirken und umgekehrt, und die Veränderungen von Wirtschaft und Umwelt werden die menschliche Verhaltensweise in komplexer, nicht vorhersehbarer Weise beeinträchtigen. Das Netzwerk von Ursache und Wirkung ist viel zu komplex, um es zu überblicken und zu begreifen .
106.
FÜNFTES PRINZIP. Eine Gesellschaftsform wird nicht bewußt und rational von Menschen gewählt. Gesellschaften entwickeln sich durch Prozesse sozialer Evolution, die nicht der Kontrolle des menschlichen Verstandes unterliegen.
107.
Das fünfte Prinzip ergibt sich folgerichtig aus den vier anderen Prinzipien.
108.
Zur Erläuterung: das erste Prinzip, das allgemein vom Versuch gesellschaftlicher Reform spricht, die entweder die gleiche Richtung der allgemeinen Gesellschaftsentwicklung einschlägt ( und damit nur eine Veränderung beschleunigt, die in jedem Fall stattfinden würde) oder lediglich eine flüchtige Auswirkung hat, so daß die Gesellschaft schnell wieder in ihr altes Fahrwasser kommt. Um andauernde Veränderungen in allen wichtigen gesellschaftlichen Aspekte zu schaffen, sind Reformen ungeeignet, eine Revolution ist notwendig. (Eine Revolution bedeutet nicht unbedingt eine bewaffnete Erhebung oder den Umsturz der Regierung.) Das zweite Prinzip besagt, daß eine Revolution niemals nur einen Aspekt der Gesellschaft verändert. Das dritte Prinzip beinhaltet, daß Veränderungen eintreten können, die von den Revolutionären weder erwartet noch gewollt worden sind. Das vierte Prinzip sagt aus, daß eine neue Gesellschaft die von Revolutionären oder Anhängern von Utopien geplant ist, sich niemals in der geplanten Weise entwickeln wird.
109.
Die amerikanische Revolution ist dafür kein Gegenbeispiel. Die amerikanische "Revolution" war nämlich keine Revolution wie wir sie verstehen, sondern ein Unabhängigkeitskrieg, gefolgt von ziemlich weitreichenden politischen Reformen. Die Gründerväter haben weder die Richtung der amerikanischen Gesellschaft verändert, noch haben sie das angestrebt. Sie haben die Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft nur von den retardierenden Auswirkungen britischer Herrschaft befreit. Ihre politische Reform hat die grundsätzliche Richtung der amerikanischen politischen Kultur nicht verändert, sondern im Gegenteil weiter in diese Richtung beschleunigt. Schon die britische Gesellschaft, aus der die amerikanische hervorgegangen ist, hatte sich seit langem in die Richtung einer parlamentarischen Demokratie bewegt. Bereits vor dem Unabhängigkeitskrieg hatten die Amerikaner in bedeutendem Umfang in den Kolonialversammlungen eine parlamentarische Demokratie praktiziert. Das von der Verfassung eingesetzte politische System war dem englischen System und der Kolonialversammlung nachgebildet. Die Gründerväter haben mit der hauptsächlichen Veränderung zweifellos einen wichtigen Schritt getan, dieser Schritt wich aber nicht von dem einmal eingeschlagenen Weg der die englischsprachigen Welt ab. Der Beweis dafür ist, daß England und alle seine Kolonien das gleiche System einer parlamentarischen Demokratie wie die Vereinigten Staaten haben. Hätten die Gründerväter damals die Unabhängigkeitserklärung nicht unterzeichnet, würde sich unsere heutige Situation nicht viel anders entwickelt haben. Es könnte sein, daß wir etwas engere Bindungen an England hätten, mit einem Parlament und einem Premierminister anstelle eines Kongresses und eines Präsidenten. Das wäre aber kein großer Unterschied. Somit stellt die amerikanische Revolution kein Gegenbeispiel zu unseren Prinzipien dar, vielmehr unterstreicht sie diese.
110.
Man muß seinen gesunden Menschenverstand gebrauchen, um die Prinzipien richtig anzuwenden. Sie wurden in einer unzulänglichen Sprache beschrieben, die eine Bandbreite von Interpretationen zuläßt, auch Ausnahmen können auftreten. Deshalb stellen wir diese Prinzipien nicht als unabänderliche Gesetze dar, sondern eher als Faustregeln oder Denkanstöße, die eine Art Gegenmittel zu naiven Ideen über die zukünftige Gesellschaft darstellen. Man sollte sich diese Prinzipien bewußt machen, wenn man zu anderen Ergebnissen kommt , sollte man seine Überlegungen sorgfältig prüfen und seine Schlußfolgerung nur dann aufrecht halten, wenn es gute, solide Gründe dafür gibt.
DIE UNVERÄNDERBARKEIT DER INDUSTRIELLEN-TECHNOLOGISCHEN GESELLSCHAFT
111.
Die aufgeführten Prinzipien machen deutlich, daß es hoffnungslos schwierig wäre, das industrielle System zu reformieren, um dadurch die zunehmende Einschränkung im Bereich unserer Freiheiten zu verhindern. Bereits seit der Industriellen Revolution bestand eine starke Tendenz, das System auf Kosten der individuellen Freiheit und lokaler Autonomie zu stärken. Deshalb würde jede Veränderung , die darauf abzielt, die Freiheit gegenüber der Technologie zu verteidigen, der grundsätzlichen Richtung der gesellschaftlichen Entwicklung entgegenstehen. Folgerichtig könnte es sich dabei entweder nur um eine vorübergehende Veränderung handeln, die bald vom Lauf der Geschichte weggefegt würde, oder wenn sie groß genug und damit dauerhaft wäre, müßte sie das Wesen unserer gesamten Gesellschaft verändern. Damit wären das erste und zweite Prinzip erfüllt. Darüber hinaus bestünde ein großes Risiko, daß sich die Gesellschaft in einer nicht voraussagbaren Weise verändert (drittes Prinzip). Man kann kaum erwarten, daß Veränderungen, die groß genug wären, um dauerhafte Veränderungen zugunsten der Freiheit zu schaffen, bewußt vorgenommen werden, denn sie würden den Zusammenbruch des System herbeiführen. Deshalb würden nur vorsichtige Reformversuche stattfinden, die kaum Auswirkungen hätten. Selbst größere Veränderungen würden sofort gestoppt werden, sobald sich ihre zerstörerischen Auswirkungen zeigten. Deshalb könnten dauerhafte Veränderungen zugunsten der Freiheit nur von denjenigen Menschen durchgeführt werden, die auf radikale, gefährliche und unvorhersehbare Veränderung des gesamten Systems vorbereitet sind. Mit anderen Worten durch Revolutionäre, nicht durch Reformer.
112.
Menschen, die sich für die Rettung der Freiheit einsetzen, ohne dafür die angeblichen Vorteile der Technologie zu opfern, werden naive Vorschläge für eine neue Gesellschaftsform machen, in denen Freiheit mit Technologie angeblich vereinbar wären. Abgesehen von der Tatsache, daß Leute, die Vorschläge machen, selten darlegen, wie diese in die Praxis umzusetzen sind, besagt das vierte Prinzip, daß selbst wenn eine neue Gesellschaftsform eingesetzt würde, diese entweder zusammenbrechen wird, oder die Auswirkungen ganz andere als erwartet wären.
113.
Auch wenn man nur ganz allgemeine Überlegungen anstellt, scheint es höchst unwahrscheinlich, daß eine Veränderung der Gesellschaft vorgenommen werden könnte, bei der Freiheit und moderne Technologie miteinander vereinbar wären. In den folgenden Abschnitten werden wir stärker auf die Gründe eingehen, um zu beweisen, daß Freiheit und technologischer Fortschritt einander ausschließen.
DIE GRENZEN DER FREIHEIT IN DER INDUSTRIELLEN GESELLSCHAFT
114.
Wie in den Paragraphen 65-67, 70-73 dargelegt wurde, ist der moderne Mensch in ein Netzwerk von Gesetzen und Vorschriften eingebunden und sein Schicksal ist von Menschen abhängig, die er nicht kennt und deren Entscheidungen er nicht beeinflussen kann. Dies ist weder Zufall noch Ergebnis der Willkür arroganter Bürokraten, vielmehr ist es in jeder fortgeschrittenen technologischen Gesellschaft notwendig und unvermeidbar. Das System MUSS menschliches Verhalten seinen eigenen Erfordernissen anpassen. Auf der Arbeit müssen Menschen das tun, was ihnen gesagt wird, sonst würde die Produktion in ein Chaos geraten. Bürokraten MÜSSEN nach strengen Vorschriften handeln. Es würde das System zerstören, wenn man Bürokraten der unteren Ebene persönlichen Spielraum läßt und es könnte zu Ungerechtigkeiten führen, wenn einzelne Bürokraten auf individuelle Weise im eigenen Ermessen handeln. Natürlich könnte man einige Beschränkungen unserer Freiheit aufheben, aber im ALLGEMEINEN ist unser von großen Organisationen reguliertes Leben notwendig, damit die industrielle-technologische Gesellschaft funktionieren kann. Der Durchschnittsmensch erlebt dadurch ein Gefühl von Machtlosigkeit. Wahrscheinlich werden Vorschriften allmählich durch psychologische Mittel ersetzt, so daß wir scheinbar freiwillig tun, was das System von uns verlangt (Werbung, Erziehungsformen, "psychische Gesundheitsprogramme" etc.)
115.
Das System MUSS die Menschen zu einem Verhalten zwingen, das sich immer stärker vom natürlichen Muster des normalen menschlichen Verhaltens unterscheidet. Beispielsweise braucht das System Wissenschaftler, Mathematiker, Ingenieure. Es kann ohne sie nicht funktionieren. Deshalb werden Kinder unter starken Druck gesetzt, sich auf diesen Gebieten auszuzeichnen. Es ist unnatürlich für einen heranwachsenden Menschen, die meiste Zeit lernend an einem Schreibtisch zu verbringen. Ein normaler Heranwachsender möchte aktiven Kontakte zur realen Welt haben. Bei primitiven Völkern werden Kinder vor allem angeleitet, mit ihren natürlichen menschlichen Impulsen vernünftig umgehen zu können. Bei den amerikanischen Indianern lernen die Jungen, sich außerhalb des Hauses aktiv auf eine den Jungen gemäße Art zu beschäftigen. Aber in unserer Gesellschaft werden Kinder dazu gezwungen, sich mit technischen Studien zu beschäftigen, was die meisten nur widerwillig tun.
116.
Aufgrund des ständigen Zwangs, den das System ausübt, um das menschliche Verhalten zu verändern, nimmt die Zahl der Menschen zu, die sich den Herausforderungen der Gesellschaft nicht anpassen wollen oder können: Wohlfahrtsempfänger, Mitglieder von Jugendbanden, Sektenanhänger, Regierungsgegner, radikale Umweltschützer, Aussteiger und andere Widerständler.
117.
In jeder fortgeschrittenen technologischen Gesellschaft MUSS das Schicksal des einzelnen von Entscheidungen abhängig sein, auf die er keinen nennenswerten Einfluß nehmen kann. Eine technologische Gesellschaft kann nicht in kleine autonome Gemeinschaften auseinanderfallen, weil die Produktion vom Zusammenwirken einer großen Anzahl von Menschen und Maschinen abhängt. Eine solche Gesellschaft MUSS deshalb hochorganisiert sein und Entscheidungen MÜSSEN sich auf eine große Anzahl von Menschen auswirken. Wenn eine Entscheidung etwa eine Million Menschen betrifft, dann hat jeder der betroffenen Einzelpersonen im Durchschnitt auch nur ein Millionstel Anteil an der Entscheidung. In der Praxis bedeutet das, daß Entscheidungen von öffentlichen Beamten oder Körperschaften durchgeführt werden oder von technischen Spezialisten. Aber selbst wenn die Öffentlichkeit über eine Entscheidung abstimmt, wäre die Anzahl der Stimmberechtigten gewöhnlich zu groß, als das die Stimme eines Einzelnen von Bedeutung wäre.[17] Also sind die meisten Menschen unfähig, einen nachprüfbaren Einfluß auf die meisten Entscheidung, die ihr Leben betreffen, auszuüben. Es gibt keinen denkbaren Ausweg in einer fortgeschrittenen technologischen Gesellschaft. Das System versucht das Problem dadurch zu "lösen", daß es mit Hilfe von Propaganda den Menschen suggeriert, daß sie die Entscheidungen WÜNSCHEN, die für sie gemacht worden sind. Aber selbst wenn diese "Lösung" erfolgreich wäre und die Menschen sich dadurch besser fühlen, wäre das erniedrigend.
118.
Die Konservativen und einige andere befürworten stärker "lokale Autonomie". Örtliche Gemeinschaften waren früher unabhängig, aber diese Art von Autonomie wird immer weniger möglich, weil sie in andere größere Systeme übergehen und von ihnen abhängig werden, wie öffentliche Versorgungsbetriebe, Computer Netzwerke, Autobahnsysteme, Massenkommunikationsmedien, das moderne Gesundheitsvorsorgesystem. Auch die Tatsache, daß die Technologie eines Ortes Menschen in anderen weit abgelegenen Gebieten einbezieht, wirkt sich gegen Autonomie aus. So können Pestiziden und Chemikalien, die in der Nähe eines Baches angewendet werden, eine Wasserleitung hunderte von Meilen Flußabwärts verschmutzen und der Treibhauseffekt hat weltweite Auswirkungen.
119.
Das System ist nicht in der Lage, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen. Vielmehr muß das menschliche Verhalten den Bedürfnissen des Systems angepaßt werden. Dies hat nichts mit der politischen oder gesellschaftlichen Ideologie zu tun, von der angeblich das technologische System gelenkt wird. Es ist der Fehler der Technologie selbst, weil das System gar nicht von einer Ideologie, sondern von technischen Notwendigkeiten gelenkt wird.[18] Natürlich befriedigt das System viele menschliche Bedürfnisse, aber im allgemeinen nur soweit es Vorteile für das System hat. Es sind die Bedürfnisse des Systems, die an erster Stelle stehen, und nicht die der Menschen. Beispielsweise versorgt das System die Menschen mit Nahrung, weil es nicht bestehen könnte, wenn diese verhungern würden. Es dient den psychologischen Bedürfnissen von Menschen, sofern es VORTEILHAFT ist, weil es nicht funktionieren könnte, wenn zu viele Menschen depressiv oder aufrührerisch wären. Aus guten, soliden, praktischen Gründen muß das System dauernd Druck auf Menschen ausüben, damit sie ihr Verhalten nach den Bedürfnissen des Systems richten. Zuviel überflüssiger Müll? Die Regierung, die Medien, das Erziehungssystem, die Umweltschützer, jeder überschwemmt uns mit Unmengen von Werbung für Recycling. Besteht eine Notwendigkeit für mehr technisches Personal? Ein Chor von Stimmen ermahnt Jugendliche, daß sie Naturwissenschaften studieren sollen. Niemand stellt sich die Frage, ob es nicht unmenschlich ist, Jugendliche zu zwingen, ihre Zeit mit Studienfächern zu verbringen, die die meisten von ihnen ablehnen. Wenn gelernte Arbeiter aus technologischen Gründen entlassen werden und sich einer "Weiterbildung" unterziehen müssen, fragt niemand, ob es für sie demütigend ist, auf diese Weise herumgestoßen zu werden. Es wird einfach vorausgesetzt, daß sich jedermann den technischen Anforderungen fügen muß und mit gutem Grund: wenn menschliche Bedürfnisse vor technischen Notwendigkeiten gesetzt werden, würden wirtschaftliche Probleme entstehen, Arbeitslosigkeit, Mangel oder schlimmeres. Das Konzept "geistiger Gesundheit" in unserer Gesellschaft wird im allgemeinen daran gemessen, wie sich der einzelne in Übereinstimmung mit den Bedürfnissen des Systems verhält, ohne Stress-Symptome zu zeigen.
120.
Das System läßt Freiräume für Autonomie nicht zu und nimmt sie nicht ernst. Was wäre, wenn beispielsweise ein Unternehmen versuchen würde, seinen Fließbandarbeitern anstelle eines Arbeitsvorganges den ganzen Arbeitsablauf zu übertragen, um die Arbeit für sie dadurch sinnvoll zu machen? Einige Unternehmen versuchten ihren Angestellten mehr Autonomie bei der Arbeit zu geben, was aber aus praktischen Gründen nur sehr begrenzt sein kann. Diese Autonomie kann sich nie auf entscheidende Vorgänge beziehen und auch nicht von den Angestellten selbst gewählt werden. Sie wird immer nur im Zusammenhang mit den Interessen ihrer Arbeitgeber stehen und sich auf das Wachstum des Unternehmens beziehen. Bei einem anderen Vorgehen würde es schnell zu einem Zusammenbruch des Unternehmens kommen. Auf ähnliche Weise müssen die Arbeiter in jeder Genossenschaft eines sozialistischen Systems ihre Arb

