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08. August 2011

Collapse of the West?

Die „Weltgesellschaft“ - Ein Schein und wenig Sein

Die Anschläge in Norwegen haben die Frage um die kulturellen Auseinandersetzungen in der Welt aktualisiert. Eine Frage, die nie verschwunden war, die von vielen als gelöst proklamiert wird und von manchem Soziologen auf die Formel von „Kulturelle Verständigung =Toleranz, Respekt und Kooperation“ reduziert wird (vgl. u.a. Dörre, 2010 / Lessenich, 1999). Löst man diese Formel, dann erhält man in bodenlosem Missverständnis die luhmannsche „Weltgesellschaft“ (Luhmann, 1998). So ist die Logik dahinter. Wobei jene Autoren wie DÖRRE und LESSENICH dem One-World-Traum immer noch anhängen und LUHMANN mit seiner „Weltgesellschaft“ auf die wachsende Vernetzung der Kommunikationsbeziehungen abhob und damit nicht die eine Weltkultur propagiert hat, sondern vielmehr deutlich macht, daß es sowohl zum Austausch zwischen Kulturen kommen kann, aber auch zu Konflikten und Kämpfen. Beides ist möglich und beides passiert. Dieser Aufsatz will aufzeigen, wieso die One-World nicht kommt, wieso ein kultureller Konflikt wahrscheinlich ist und worin eine Quelle für das Wiedererstarken von Kulturen liegt.

Wir haben in der jüngeren Vergangenheit keine Reduktion, sondern eher ein Anschwellen kulturellen Zündstoffes erfahren, was HUNTINGTON zu seiner These des Kampfes der Kulturen verdichtete (Huntingtion, 1997). Die Anschläge in Oslo zwingen gerade dazu diese Frage neu aufzunehmen, neu zu denken und sich dabei auf Fakten zu beziehen. Die Versuche der letzten Wochen aus dem Täter einen verwirrten Repräsentanten der Konservativen und Rechten zu machen sind nur die Bemühungen diese Frage zu unterbinden und ein neues Tabu zu schaffen. In Wirklichkeit ist die Frage nicht erst seit Oslo drängender als jemals zuvor. Unser Kulturraum ist bedroht. Von Innen und von Außen, von uns selber und durch Fremde. Einige Beispiele (auch hier zu finden):

"In Britain, for example, Muslims currently are campaigning to turn twelve British cities -- including what they call "Londonistan" -- into independent Islamic states. The so-called Islamic Emirates would function as autonomous enclaves ruled by Islamic Sharia law and operate entirely outside British jurisprudence. More than 80 Sharia courts are already operating in the country. At the same time, Mohammed is now the most common name for baby boys."

"In France, large swaths of Muslim neighbourhoods are now considered "no-go" zones by French police. At last count, there are 751 Sensitive Urban Zones (Zones Urbaines Sensibles, ZUS), as they are euphemistically called. An estimated 5 million Muslims live in the ZUS, parts of France over which the French state has lost control."


"In Norway, large sections of Oslo are being turned into Muslim enclaves subject to Sharia law and to the dictates of local imams. The citizens of Oslo are also struggling to cope with an epidemic of rapes. According to recent statistics, 100% of aggravated sexual assaults which resulted in rapes over the past three years were carried out by Muslim immigrants. Norwegians are now trying to deal with the large-scale torching of automobiles, which, as in France, is being attributed to Muslim youth."

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Was ist „unser“ Kulturkreis?

Es darf jedoch nicht der Fehler gemacht werden, daß wir uns nur auf den Islam fokussieren. Das würde am eigentlichen Kern vorübergehen. Nach zeitgenössischer Betrachtung gibt es 6-7 Kulturkreise (vgl. u.a. Spengler, 1918 / McNeill, 1991 / Rostovanyi, 1990 / Quigley, 1961). Der sinische, der japanische, der hinduistische, der islamische, der westliche, der lateinamerikanische und der afrikanische Kulturkreis werden unterschieden. Manchmal wird für den afrikanische Kulturkreis auf Grund der inneren Zerrissenheit Afrikas die Zuordnung zu anderen kulturellen Arenen vorgenommen.

Alle Kulturkreise sind nach einer Religion, einem Volk oder eines geographischen Gebietes benannt. Es fällt dabei sofort auf, daß der „Westen“ nach einer Himmelsrichtung benannt worden ist. Der Westen war einmal das „christliche Abendland“, ein religiöser Ort, und hat sich mit seiner modernen Bezeichnung aus seinem geschichtlichen, geographischen und kulturellen Kontext gelöst. Den „Westen“ kann niemand auf einer Karte finden, man kann ihn nicht in der Identifikation der Menschen erleben, die dem „Westen“ zugeordnet werden. Hierin kann ein Ansatz dafür gesehen werden, wieso der „Westen“ an einer Identitätskrise leidet, wieso er seine Werte bis zur Unkenntlichkeit dehnt und immer neu definiert. Er weiß nicht mehr, was ihn zusammenhält. Womöglich hat ihn auch nur die Ausrichtung auf die Siegermacht USA und der Kampf gegen den Kommunismus zusammengehalten?

Das alles führte dazu, daß man dem Westen Eigenschaften zuschrieb und ihn über sichtbare Phänomene definierte. Dies hat dem Irrtum Vorschub geleistet, daß der „Westen“ gleichzusetzen sei mit der „Modernisierung“. Die Modernisierung meint nichts anderes, als einen strukturellen Wandel in den Lebensbedingungen von Menschen in Kulturen, der einen Bruch mit alten Handlungsweisen und Vorstellungen ausmacht (Degele/Dries, 2005). Dabei werden diese aber nicht negiert, sondern durchaus auch erneuert, neuen Lebensumfeldern angepasst. Durch Modernisierung entsteht nicht zwingend eine soziale, ökonomische und kulturelle Moderne und schon gar keine Verwestlichung nicht-westlicher Kulturen. Auch aus einem anderen Grund ist die Gleichsetzung von „Westen“ und „Modernisierung“ nicht treffend. Der „Westen“ hinkte viele Jahrhunderte in seinem Modernisierungsgrad anderen Kulturkreisen hinterher. China und islamische Welt zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert waren dominierend. Dazu kommt im 8. - 11. noch Byzanz hinzu. Diese Gesellschaften waren modernisierter organisiert und übertrafen den „Westen“ an Wohlstand, Ausdehnung, militärischer Macht und den Leistungen in Kunst und Wissenschaft. Erst ab dem 12. Jahrhundert steigt der „Westen“ auf. Der „Westen“ definierte sich dabei aus Versatzstücken der volkstümlichen Traditionen, dem Christentum und der Antike. Damit ist zu sehen, daß weder das ursprüngliche Christentum und die Antike originär westliche Schöpfungen sind. Darin liegt auch die spätere Zersplitterung in eine nationalstaatliche Ordnung begründet. Dieses westliche Konglomerat mit prä-nationalstaatlichem Drang bewirkte eine unheimliche Expansion des „Westens“ ab dem 15. Jahrhundert. Im 20. Jahrhundert beherrschten westliche Nationen fast 90% der Erdoberfläche (Huntington, 1997). Dabei war es niemals die kulturelle Überlegenheit, die obsiegte, sondern stets die Macht, die dies tat. Es war immer die zügigere Modernisierung und die bessere Anpassung an die neue Herausforderungen der Umwelt. Der „Westen“ ist an sich kulturlos und nicht geschlossen, regional sehr kulturreich und heterogen und in der Modernisierung entschlossen und zügellos. Die Gewalt des „Westens“, die bei seiner Ausdehnung angewandt wurde, wird von Nicht-Westlern nie vergessen. Das bedingt von Haus aus Kommunikationsprobleme, die sich durch eine Verdichtung der Kommunikationsnetzwerke in der modernen Welt noch verstärkt werden können und heute zu anti-westlichen Bestrebungen führt.

Der Einfluss des „Westens“ schwindet. Ende der Geschichte?

Oswald SPENGLER hat 1918 darauf verwiesen, daß die Einteilung in Antike, Mittelalter und Neuzeit unserer westlichen Geschichtsschreibung es erschwert den Blick auf den Gang der Geschichte zu werfen, da sie suggeriert der Gang der Zeit würde sich nur um uns selber drehen (Spengler, 1918). Wenn das Abendland bzw. der „Westen“ nun unterginge, wäre das tatsächlich das Ende der Geschichte; zumindest aus seiner Sicht. Aus Sicht des „Westens“ ist damit auch die One-World-Ideologie nicht zu halten.

Das dies so ist, läßt sich an Zahlen und Beispielen verdeutlichen. Das Produkt des „Westens“ sind Ideologien. Liberalismus, Sozialismus, Anarchismus. Kommunismus, Faschismus und Demokratie. Sämtliche Ideologien verlieren an Wert, Einfluß und Existenz in dem Maße, wie die nicht-westliche Welt ihre westliche Phase hinter sich läßt. Das Erstarken der Religion in der nicht-westlichen Welt zeigt dies. Sämtliche Religionen sind originär in nicht-westlichen Gebieten der Erde von Nicht-Westlern geschaffen worden, sämtliche Ideologien originär im „Westen“. Mit Zunehmender Wahrscheinlichkeit wird die Religion einen wieder erstarkten Einfluß auf internationale Angelegenheiten und Politik haben (Mortimer, 1991). Darauf kommen wir im weiteren Verlauf des Aufsatzes noch zurück.

Darüber hinaus deutet die Demographie auf ein Anwachsen der Stärke anderer Kulturen. An der Entwicklung der Sprecher verschiedener Sprachen läßt sich die Entwicklung zeigen. Der Anteil an der Weltbevölkerung von Englisch sprechenden Menschen hat von 1958 auf 1992 von 9,8% auf 7,6% nachgegeben. Der Anteil der anderen europäischen Sprachen sank im gleichen Zeitraum von 24,1% auf 20,8% (1). Eine Weltsprache ist nicht in Sicht. Wir sehen Verschiebungen, aber keine Assimilationen.

Der „Westen“ kontrollierte 1993 von den fast 90% der Erdfläche aus dem Jahr 1920 nur noch 25% und wird dazu voraussichtlich 2025 nur noch 10% der Weltbevölkerung stellen. Das reduziert die Macht und den Einfluß des „Westens“ erheblich.

Eine Weltreligion ist noch weniger wahrscheinlich. Diese Verhältnisse der Religionen zueinander haben sie in den letzten 100 Jahren nur wenig zueinander verändert. So waren 1900 rund 32% der Weltbevölkerung Christen, im Jahr 2000 waren es 31%. Muslime gab es 1900 13% und 2000 19%, Hindus 1900 13% und 2000 14%. Allein die Zahl der Atheisten und Nicht-Religösen ist von < 1% auf 21% geradezu explodiert. Dies fällt jedoch bemerkenswerter Weise mit der Übernahme des Kommunismus in Rußland und China zusammen und der Entwicklung des orthodoxen Christentums und der chinesischen Volksreligionen, bzw. des Buddhismus. Bemerkenswert ist dabei auch, daß es signifikante Zugewinne des Christentums in Afrika gab und die mit einem Herabsinken des Christentums im „Westen“ einherging. So läßt sich ergänzend auch der Zugewinn der Atheisten und Nicht-Religiösen weitergehend erläutern. Ebenso gewann der Islam in Afrika (2).

Eine universale Kultur ist ebenso wenig im Aufbruch begriffen. Es ist ein Irrtum zu glauben, daß nach Zusammenbruch des Ostblocks jede Kultur der Erde nichts Eiligeres zu tun habe, als sich dem „Westen“ anzuschließen. In der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Organisation gibt es mannigfaltige Möglichkeiten, die auch genutzt werden. Dabei ist die Religion ein sehr zentraler Motivationsfaktor. Gleichsam hat die Intensivierung des internationalen Handels nicht dazu beigetragen die Verständigung der Kulturen und die Friedenssicherheit zu erhöhen. 1913/14 war der Anteil des Außenhandels am Weltsozialprodukt 33%. Hinterher und vorher war er nie höher. Der 1. Weltkrieg fällt in diese Zeit. Handel – und er ist nur ein Beispiel der Interaktion - kann somit eine sehr spannungsgeladene Wirkung haben (Rowe, 1994). Durch Kontakt miteinander wird keine Kohäsion erzeugt. Der Mensch definiert sich darüber, was er nicht ist. Man kann somit sagen: „In einer zunehmend globalisierten Welt – gekennzeichnet durch ein historisch außergewöhnliches Maß an kultureller, gesamtgesellschaftlicher und anderweitiger Interdependenz und durch das verbreitete Bewußtsein hiervon – verschärft sich das kulturelle, gesamtgesellschaftliche und ethnische Bewußtsein“ (Robertson, 1987, S. 22).

Mehr noch: Es kann festgestellt werden, daß das Aufzwingen und Übernehmen von westlichen Kulturbestandteilen genau das Gegenteil bewirkte. Der Grund wird in der Entfremdung und einer folgenden Identitätskrise der betroffenen Menschen gesehen, die ein kulturelles und religiöses Erwachen auslöst (Baum, 1977 / Spengler, 1918). Kulturkreise scheinen durch das Übernehmen fremder Einflüsse ihre eigene Stärke zu erneuern, sich aber im wesentlichen Kern nicht zu verändern. So, wie heute in den nordafrikanischen Staaten die „Demokratiebewegung“ als Modernisierung gefeiert wird, so wenig ist sie wirklich westlich. Sie richtet sich gegen Despoten, die Unsicherheit, Armut und Korruption fördern, aber sie ist nicht der Aufbruch nach Westen und noch ist überhaupt nicht ersichtlich, ob man die kommende Ordnung überhaupt als Demokratie im westlichen Sinne begreifen darf. Dies zeigt: Je nach Machtstruktur bedienen sich die sich-erneuernde Kulturen im Sprachschatz der mächtigeren Kulturen (hier der des „Westens“), ohne diese wirklich zu übernehmen. Zur Erneuerung bzw. zur Modernisierung von Kulturen bedarf es somit des „Westens“ nicht zwingend. Sie bleiben immer noch typisch eine eigene Kultur.

In der Geschichte existierten Kulturen von ungeheurer Größe. Mesopotamische, ägyptische, kretische, klassische, byzantinische oder die Anden-Kultur. Wieso sollte da der Westen nicht untergehen können? Wieso sollte man ihn vermissen? Ist der „Westen“ überhaupt „unsere“ Kultur? Wann kommt die westliche oder eine sonstig geartete Erneuerung? Das sie möglich ist, sollte eindeutig sein.

Es sieht düster aus am Horizont

Der „Westen“ befindet sich auf dem Weg nach unten. Der „Westen“ ist zunehemden mit inneren Problemen beschäftigt, beklagt ein niedriges Wirtschaftswachstum, welches den Ansprüchen an das Volkseinkommen nicht mehr genügt, besitzt eine hohe und stagnierende Arbeitslosigkeit, riesige Staatsdefizite, sinkende Arbeitsmoral, leidet unter Identitätsverlust, unter Drogen und Kriminalität. Die wirtschaftliche Macht verschwindet nach Ostasien, die größte Wirtschaftsmacht der Westens – die USA – schrammt kurz an einem Bankrott vorbei. Die militärische Macht ist weitgehend deutlich limitiert, die islamische Welt zeigt offenen Feindseligkeit (s.o.). Das ändert jedoch nichts daran, daß der „Westen“ noch auf viele Jahrzehnte die führende und später eine der führenden Mächte der Welt sein wird. Jedoch werden nicht-westliche Kulturen mit dem Anwachsen ihres Einflusses, ihrer Macht, auch immer mehr auf die Vorzüge ihrer Kulturen pochen. Nicht-westliche Kulturen erklären ihr Erstarken nicht mehr mit der Übernahme westlicher Errungenschaften, sondern mit einem Festhalten an der eigenen Kultur und Tradition. Das wird dann besonders zum Problem, wenn bereits viele Angehörige eines Kulturkreises in einem fremden Kulturkreis befinden (McNeill, 1991). Dazu kommt, daß zunehmenden die kommende Generation eine – aus ihrer Sicht – Verwestlichung entschieden ablehnt. Somit ist keine Annäherung, sondern eine Diskrepanz und eine Kollision mit dem „Westen“ zu erwarten (McNeill, 1991). Doch welche Alternative eröffnet sich am Horizont, die einen Lichtstrahl in die Finsternis schickt?

Die „Rache“ Gottes (3)

Oben ist angeklungen, daß der „Westen“ an einer Identitätskrise leidet, die bereits auf seinen undefinierbaren Namen einer Himmelsrichtung zurückgeführt werden kann. Im 20. Jahrhundert wurde angenommen, daß die Modernisierung die Religion komplett verdrängen würde. Naturwissenschaft, Rationalismus und Pragmatismus würden mit dem Irrtum der Religion, der Mystik und des Aberglaubens aufräumen. Die entstehende Welt wäre eine bessere: tolerant, rational, vernünftig, humanistisch und liberal.

Das Gegenteil ist heute zu sehen. Besonders deutlich ist dies im Islam zu sehen, wo die Losung nicht mehr heißt: Modernisierung des Islams, sondern Islamisierung der Moderne. 1989 gab es z.B. in Zentralasien 160 Moscheen, heute sind es über 10.000. In dem Maße, in dem die Religion wieder ein Aufblühen erlebt und in dem die modernisierten Gesellschaften dem Menschen keinen Halt und keine Identifikation bieten können, so entstehen auch fundamentalistische Bewegungen. Sie sind die Stoßtruppen der gemäßigten religiösen Bewegungen (Huntington, 1997).

Die Begründung dieses Phänomens ist in den Kräften zu sehen, die eigentlich auszogen um die Religion zu besiegen. Es ist das Zusammenspiel aus sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Modernisierung. Diese haben mit Identitäten gebrochen, Herrschaftssysteme umgestürzt und unter dem sich nun legenden Staub verbleibt Gott als einzige Konstante im Chaos. Die Menschen leben eben nicht von Vernunft und Geist allein, sondern sie brauchen Identität. Diese entspringt jedoch aus subjektiven Theorien und der Auseinandersetzung mit der Frage, was der eigene Platz in der Welt, im Kosmos ist. Die Rache Gottes wider dem hochmütigen Menschen liegt darin, daß er den Menschen die Freiheit gab sich von ihm loszusagen, um damit genau das Gegenteil zu erlangen. Seine Waffen sind die Fundamentalisten.

McNEILL schreibt, daß es kein Zufall sein kann, wie sehr gerade diese Bewegungen ihre Basis in Ländern haben, die unter einem starken sozialen Druck stehen. Dabei darf nie vergessen werden, daß diese religiöse Wiedergeburt nicht gegen die Modernisierung des Lebens ist. Sie befürworten Wissenschaft, Technik und Fortschritt. Sie wenden sich gegen die Moderne, gegen moralischen Relativismus, gegen Hemmungslosigkeit, gegen die Vernichtung der Natur, gegen geistige Willkür. Sie greifen in die Leerräume, die moderne Staaten und Gesellschaften geschaffen haben und füllen diese auf. Sie vermitteln Sicherheit und soziales Engagement. Diese Bewegung erreicht auch immer mehr den „Westen“. Dies sind Kräfte der Erneuerung, wobei die Frage bleibt von wem sie bei uns ausgeht. Von „uns Westlern“ oder von „den anderen Kulturen in unseren Nationen“? Aktuell scheint der Islam sich verstärkt auf die entstehenden Leerräume der Moderne zu spezialisieren und Lösungen anzubieten. Das Christentum zeigt hier kaum Ambitionen. Der Islam steht dabei für eine radikale Ablehnung des westlichen Einflusses auf die arabische Welt (McNeill, 1991).

Ausblick

Der „Untergang des Abendlandes“ ist ein geflügeltes Wort, welches nie an Aktualität eingebüßt hat. Prozesse in der Welt finden langsam statt. Nur weil fast 100 Jahre zwischen diesem Aufsatz und SPENGLERs Hauptwerk liegen wird letzteres dadurch nicht in Frage gestellt. Die westliche Kultur hat ein großes Beharrungsvermögen, das ändert aber nichts an ihrem Verfall. Auch Rom ist nicht in 5 oder 10 Jahren untergegangen, sondern innerhalb von fast 200 Jahren.

Somit bleibt zu konstatieren, daß das Abendland nicht zwingend untergehen, aber deutlich an Einfluß verlieren wird. Ob das aber bereits als Startsignal für eine Erneuerungsbewegung ausreicht? Die viel größere Gefahr liegt darin, daß Europa aufgibt es selber zu sein, mit seinen Völkern, Traditionen und kulturellen Eigenheiten. Dazu bräuchte es wohl eine stärkere Kultur, an der sich Europa messen und wieder wachsen kann. Die Entwicklung zeigt jedoch, daß dies möglich ist. Die Katastrophe ist vielfach die Saat für ein Erstarken. Europa wird auf lange Sicht nur ohne die USA funktionieren, deren Weg sinnbildlich ist für ihr selbst geschaffenes Produkt: „Der Westen“. Die USA wird ihre Rolle in der Welt einbüßen und dann nicht mehr die Kraft haben als Leitfigur eines ganzen Kulturkreises aufzutreten. Langsam aber sicher führt der Weg abwärts. Die Abwärtstendenz ist eindeutig, aber noch bliebe zumindest politisch Zeit die kulturelle und religiöse Erneuerung, gleich welcher Art, vorzubereiten. Dazu bedarf es Grundlagen für europäische Identitäten im traditionellen Kontext und damit eines Erhaltes der Geschichte des „Westens“, der dann „Europa“ hieße. Das wäre zugleich die Chance für Europa wirklich erwachsen zu werden. Wer glaubt jedoch bei der aktuellen politischen Lage daran? Die Politik vertut die Chance die Anschläge von Oslo für eine inhaltliche Diskussion zu nutzen, sondern stößt mit den Medien in ein Horn, die fleißig die Nazikeulen, die Toleranzkeulen und sonstige soziale Druckmittel einsetzen. Die jüngsten Absichten unliebsame Blogger zu „entlarven“ wird nicht gerade dazu beitragen überhaupt anzuerkennen, vor welchen Herausforderungen wir eigentlich stehen. Solange man den Schwarzen Peter an alle möglichen „Verdächtigen“ von Sarrazin, über diverse Blogs bis zur NPD verteilt (vgl. hier und hier), solange wandelt man auf ausgetretenen Pfaden, die nur eines tun: Sie lassen einen von seinem gutmenschlichen Wesen erfüllten Menschen lächelnd in den Abgrund wandern und dann nach Gerechtigkeit rufen, wenn alles zu spät ist und Europa nicht erwachsen geworden sondern tatsächlich gestorben ist.

Lumen

 

Anmerkungen

(1) Daten aus dem „World Almanac and Book of Facts“ von Prof. Sidney S. Culbert der University of Washington in Seattle entnommen.

(2) Daten aus der „World Christian Encyclopedia“ von David B. Barrett entnommen.

(3) Nach Gilles Kepel.


Literatur

BAUM, Rainer C.: Authority and Identity. IN: Zeitschrift für Soziologie, 6, 1977.

DEGELE, Nina und DRIES, Christian: Modernisierungstheorie. München: Wilhelm Fink Verlag, 2005.

DÖRRE, Klaus (2010): Wirtschaftsdemokratie - eine Bedingung individueller Emanzipation. In: spw 180, S. 18-23.

HUNTINGTON, Samuel P.: Clash of civilizations or global culture? Hrsg.: Brigitte Seebacher-Brandt ; Norbert Walter: Alfred-Herrhausen-Gesellschaft für Internationalen Dialog mbH, 1997.

LESSENICH, Stephan: Strukturwandel in Transformationsgesellschaften. Vom Süden zum Osten und zurück, in: Wolfgang Glatzer und Ilona Ostner (Hrsg.), Deutschland im Wandel. Sozialstrukturelle Analysen. Ein Sonderband der Zeitschrift GEGENWARTSKUNDE. Opladen: Leske + Budrich, 1999, 357-369.

LUHMANN, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt a. M: Suhrkamp, 1998.

MORTIMER, Edward: Christianity and Islam. IN: International Affairs, 67, 1991.

SPENGLER, Oswald: Untergang des Abendlandes. Wien und München, 1918 und 1922.

ROBERTSON, Roland: Globalization Theory and Civilizational Analysis. IN: Comparativ Civilizations Review, 17, 1987, S. 22.

ROSTOVANYI, Zsolt: Clash of Civilizations. Unpublished Paper, 1990.

ROWE, David M.: The Trade and Security Paradox in International Politics. Unpublished: Ohio University, 1994, S. 16.

McNEILL, Wiliam H.: The Rise of the West. Chicago: University of Chicago Press, 1991.

QUIGLEY, Carroll: Evolution of Civilisations. New York, 1961.

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